Selina Meyer

Bookerin

Wie bist du in den Bereich gekommen? 

Ich hab dank G8 schon mit 17 Abi gemacht und war total lost. Am liebsten wäre ich direkt in eine andere Stadt oder sogar ein anderes Land gezogen, aber ich war eben noch zu jung. Demnach hab ich erstmal mit einem FSJ in einem Ausbildungsinstitut für Psychotherapie in Stuttgart angefangen. Mit meinem Vorgesetzten hatte ich riesen Glück, denn er war dort verantwortlich für Marketing und Veranstaltungen. So hab ich also im kleinen Rahmen mit Events angefangen und richtig Spaß daran gefunden. Er hat mich ermutigt, mich bei einer Eventagentur in Berlin zu bewerben und mir mit der Bewerbung geholfen. Am meisten Sinn in der Branche macht eine Ausbildung, um praktisch zu lernen. Die hab ich in einem IT-Unternehmen gemacht, viele Promo-Events und Messen organisiert, was ehrlich gesagt für die Ausbildung schon okay, aber jetzt nicht ganz so mein Ding war. In der Zeit hab ich Caja Engel kennengelernt, durch die ich dann die Chance bekommen hab, mich bei Four Artists und damit bei Michl Sand zu bewerben. Nach 2 Jahren bei Four Artists haben einige Kolleg*innen und ich gemeinsam einen neuen Weg eingeschlagen, so dass mir mein Kernteam erhalten bleiben konnte. So arbeite ich jetzt bei All Artists Agency als Bookerin.

Wer oder was hat dir auf deinem Weg geholfen? 

Am Anfang, als ich noch nicht genau wusste, wohin mit mir, waren es vor allem Kolleg*innen, die schon etwas länger in der Branche waren. Aktuell muss ich da aber vor allem Michl Sand nennen, weil er einer von denen ist, der mich einfach nur als Mensch sieht und mich sehr supportet. Michl ist in unserem Team der Booker und ich habe für einige seiner Acts als Projektleitung gearbeitet. Er hat mich nach und nach immer weiter mit ins Booking genommen, sodass wir nun ein paar Themen gemeinsam betreuen, ich aber auch schon meine erste komplett eigene Künstlerin habe. Ich hab jederzeit die Möglichkeit, ihn um Rat zu fragen und er hilft mir einfach sehr. Shoutout an Michl. 

Über welches „unbequeme“ Thema sollte mehr gesprochen werden? 

Es sind so viele Themen, die ein bisschen unter den Teppich gekehrt werden. Es ist zum Beispiel wichtig, dass sich Männer nicht angegriffen fühlen, wenn wir über Sexismus sprechen. Es muss ein Verständnis für Dinge entstehen, die man ansprechen darf, ohne dass sich das Gegenüber in eine Antihaltung bringt und sich persönlich beleidigt fühlt. Feminismus ist nicht Anti-Mann.  

Wie gehst du mit Schubladen um? 

Ich würde von mir sagen, dass ich eine ziemlich diplomatische Person bin. Selbst wenn ich die Meinung des Gegenübers nicht verstehe oder sie mir nicht gefällt, versuche ich in ein Gespräch zu gehen, zugänglich zu sein und auch die Seite anzuhören. Frauen werde teilweise echt nicht ernst genommen, das ist in der Musikbranche ein anderer Schnack als in anderen Branchen. Selbst in der IT-Firma, in der die Frauen stark in der Unterzahl waren, hab ich mich ernster genommen gefühlt. Ich hab am Anfang stark das Bedürfnis gehabt, mich dann genau den Leuten, die mich in Schubladen stecken, so richtig zu beweisen. Inzwischen weiß ich, dass ich das nicht muss, denn ich würde behaupten, dass die Leute, mit denen ich arbeite, wissen, dass ich gut bin in dem, was ich tue. Manchmal reg ich mich aber auch furchtbar auf, ich kann sehr gut fluchen. Dann atme ich einmal durch oder schlafe eine Nacht drüber und am nächsten Tag geh ich die Sache dann lösungsorientiert an. 

Ich möchte mit Menschen zusammenarbeiten, die mich als Mensch sehen und nicht als emotionale Frau. Und wenn ich emotional bin, dann ist das auch in Ordnung. Ich möchte ich sein. Und genau so möchte ich mir nicht zehnmal überlegen müssen, welchen Ton ich in einer Mail habe, sondern sie einfach rausschicken können. 

Ich glaube, viele Menschen sind auch ein bisschen ungeduldig. Wir haben in vieler Hinsicht einen guten Ansatz und Dinge ändern sich. Doch in Sachen Erziehung brauchen wir einfach Zeit, bis Frauen nicht mehr so erzogen werden, sich zurück zu halten und sich Gedanken über ihr Verhalten zu machen. 

Wir sind jetzt eine Generation, die ihren Kindern ganz andere Werte vermitteln und demnach sowohl hinter als auch auf der Bühne eine Veränderung schaffen können. Dann bekommt der Junge eben nicht das Schlagzeug und das Mädchen die Barbie.

Das dauert noch ein wenig, aber es wird. 

Was läuft gut? 

Dass wir hier sitzen. Dass wir Themen ansprechen, die schon lange angesprochen gehören. Dass wir uns unterstützen und auf uns aufmerksam machen. 

Was hat dich deine Arbeit gelehrt? 

In Stresssituationen ruhig zu bleiben und mich erstmal zu lösen und das Ganze aus einer gewissen Entfernung zu betrachten. Ich rette keine Leben und die Welt geht auch nicht unter, weder im Job noch privat. Der Job lehrt einen auf jeden Fall, Dinge nicht zu wichtig zu nehmen. Und wenn ich denke, das ist meine Grenze, dann weiß ich immer, dass sie das noch nicht war. Grenzen austesten, auch mal zu überschreiten und dann mehr zu wissen. Dadurch kann ich mich selbst viel besser einschätzen 

Was ist dein wichtigstes Tool im Arbeitsalltag?

Zigaretten, haha. 

Was bestärkt dich in schwierigen Zeiten? 

Ich glaube, für uns alle waren die letzten eineinhalb Jahre sehr schwierig. Wir haben mit AAA kurz vor der Pandemie eine neue Agentur gestartet und waren dann auf null. Ich hab angefangen Sport zu machen, ich war joggen, was sehr ungewöhnlich für mich ist… Ich wusste nicht mehr wohin mit mir. Meine Freund*innen haben mir in der Zeit die Kraft gegeben. Durch die Arbeit hab ich tolle Leute kennengelernt, keine Frage, aber vor allem in der Zeit von Kurzarbeit bis Aussichtslosigkeit war ich wahnsinnig dankbar um meine Freund*innen, die nichts mit der Branche zu tun haben. Das tut dem Kopf gut. 

Was würdest du gerne an andere Frauen in der Branche weitergeben? 

Ich würde ihnen gerne weitergeben, sich mehr zu trauen. Man vergleicht sich leider nur mit anderen Frauen und ich hoffe sehr, dass man sich irgendwann mit ALLEN anderen vergleicht. Dass man ne equal Denkweise bekommt. Empower yourself!

Erstellt am: 12.02.2026 | Kategorie(n): Interviews