Tontechnikerin
Wie bist du in den Bereich gekommen? Wie war dein beruflicher Werdegang?
Schon als Kind habe ich mich auf Stadtfeste oder andere Veranstaltungen gefreut, die meine Eltern mit meiner Schwester und mir besucht haben. Als Beispiel wäre Zissel in Kassel zu nennen und die Kieler Woche. Ich fand Bühnen schon immer mega cool. Die bunten 6er-Bars, die im Haze ihren Beam sichtbar werden ließen, konnte ich gar nicht genug beobachten. Die laute Musik aus den riesigen Lautsprechern… das Gefühl, wenn die Subs so drücken, dass es dir in die Brust einschlägt oder die Hose an den Schienbeinen flattern lässt… schon immer und immer noch ein unfassbar beeindruckendes Gefühl für mich. Zum Teil auf den Schultern und zum Leidwesen meines Papis. Ich war ja noch lütt und konnte sonst im Publikum gar nichts sehen. Ich bilde mir sogar ein, ich kann mich noch heute an ein Konzert einer ACDC Cover-Band erinnern.
Später in der Schule habe ich in einer Projektwoche vor den Ferien mal an einem Bandprojekt teilgenommen und stand auf der Bühne. Im Chor war ich auch, aber dann bin ich irgendwie in die Orga gerutscht und konnte Aktionen und Partys meiner Schule mitorganisieren. Es drehte sich also schon immer ganz viel um Musik und Technik und Shows und so.Mein Freundeskreis war – na klar – musikinteressiert und so kam es dann auch irgendwann, dass ich mein erstes größeres Festival besucht habe: Das Hurricane. Ich stand da weit hinten auf einer Erhöhung und hab diese Bühne gesehen und dachte nur: “Egal was es ist, aber ich will das auch.” Irgendwie gab es offensichtlich Menschen, die diese Bühne bauen, dieses Licht installieren und diese Speaker da hängen. Ich hatte leider keine Ahnung, wie sich das nannte, aber der Tag sollte kommen. Meiner Schwester wurde ein Job als Stagehand in einer Agentur angeboten. Sie konnte den Job zeitlich neben dem Studium aber nicht annehmen und gab ihn an mich weiter. Ich war zu der Zeit in einer schulischen Ausbildung und konnte einen schönen Nebenjob gut gebrauchen. Ich bin dann da mal mitgefahren und irgendwann sagte einer meiner Kollegen zu mir: „Hey Mari, mach das mal ganz oder gar nicht.“ Gar nicht war keine Option. Mittlerweile wusste ich ja auch, dass man den Beruf lernen kann, oder sogar studieren in Berlin: Veranstaltungstechnik.
Ich habe meine Ausbildung bei einem Technikdienstleister in Hamburg gemacht. Da war ich übrigens gar nicht das einzige Mädel in der Technik. Die andere frühere Auszubildende habt ihr auch schon interviewt. Ich habe mit Koyo gelernt. Ich hätte dann nach meiner Ausbildung bei meinem Ausbildungsbetrieb bleiben können, habe mich aber auch bei anderen Firmen beworben und war mit Agenturen im Gespräch. Es hat alles nicht so richtig gepasst, das Bauchgefühl hat nie ganz gestimmt. Am Ende habe ich mich nahtlos nach dem Abschluss selbstständig gemacht und bin es bis heute. Mit der Pandemie musste ich natürlich auch kreativ werden und umdenken. Aktuell studiere ich mit 14 weiteren Mädels im Kurs BWL mit dem Schwerpunkt Messe-, Kongress- und Eventmanagement in einem dualen System. Mein Praxisbetrieb ist das ROXY in Ulm.
Wer oder was hat dir auf deinem Weg geholfen?
Mein Lieblingsmensch. Ganz an erster Stelle. Wir sind beide selbstständige Tonleute und verstehen uns in den allermeisten Fällen blind. Egal worum es geht. Und die Kolleg*innen haben mir geholfen. Man trifft so viele Menschen in unserer Branche. Darunter gibt es die, die dich weiter begleiten. Manchmal nur ein Stück. Manchmal länger auf Distanz. Und manchmal ab dem Tag, an dem man sich getroffen hat. Und wenn aus Kolleg*innen Freunde werden, ist es eh das Allerschönste.
Wie können sich Frauen in der Branche mehr unterstützen?
Ich denke, ein offener ehrlicher Austausch unter Frauen ist sehr unterstützend. Generell bringt ein gutes Gespräch immer andere Sichtweisen, neue Inspiration oder einen klaren Blick.
Ich habe zu Beginn meiner Selbstständigkeit eine Frau kennengelernt, die mir von sich aus gerne 1-2 Sachen an die Hand geben wollte. Es war auf dem zweiten Job, auf dem wir uns wieder gesehen haben. Sie hat mich gefragt was ich so mache, was ich so vorhabe und sich einfach dafür interessiert. Sie hat bis dahin schon gemerkt, dass ich wohl keine Eintagsfliege bin, sondern wirklich Bock auf den Job habe. Dann hat sie von sich erzählt und mir damit auch gesagt, wann es sich lohnt, aufmerksam zu sein und wie sich neue Chancen ergeben und klug ergreifen lassen. Einer ihrer Tipps war: „Besorg dir eine gute Hautcreme.“ Nein, Spaß beiseite. Zum Beispiel sprach sie von Geduld. Man trifft viele Kolleg*innen, die den Job schon echt lange machen. Sie sagte: „Hör ihnen zu!“. Selbst wenn es kein neuer Input ist. Klappe halten und zuhören, denn als junges Mitglied einer Crew hat man einfach noch viel zu lernen. Und irgendwann kommt etwas Neues. Und irgendwann kommt auch der Moment, wo man es selbst besser weiß. Aber darum muss man nicht kämpfen. Viel spannender ist es auch zu lernen, welche Charaktere man so trifft und wie man sie dann einzuordnen weiß. Und nein, es ist mir nicht auf Anhieb gelungen und hat auch im Verlauf nicht immer gut funktioniert.
Mit meiner besten Freundin heute, sie ist Lichtfrau, habe ich auch mal “aus Versehen” ein sehr intensives Gespräch geführt, es hat sich beim Feierabendbier so ergeben. Damals kannten wir uns nur vom Sehen. In diesem Gespräch ist uns aufgefallen, dass wir ziemlich genau die gleichen Dinge feiern und aber auch ziemlich ähnliche Erfahrungen machen mussten, die uns beide richtig nerven. Man ist nicht allein mit seinen Gedanken, aber es gibt unterschiedliche Lösungsansätze. Es gibt Hoch und Tiefs. Das ist alles normal.
Was war ein schöner Moment zuletzt?
Ich habe eine Woche im September mit meinen Lieblings-Audiocrew-Ton-Jungs gearbeitet. Wir waren alle in derselben Stadt. Nicht alle auf demselben Job, aber wir konnten uns trotzdem wiedersehen. Nach eineinhalb Jahren war das mal wieder die erste Chance.
Wie gehst du damit um, wenn du in Schubladen gesteckt wirst?
Ich habe da tatsächlich einen heftigen Kampf mit mir ausgefochten. Es gab da eine Phase, in der ich nur noch das Gefühl hatte, dass mich keiner ernst nimmt, weil ich eine Frau bin. Rückblickend war ich wahrscheinlich einfach tierisch überarbeitet. Schließlich war ich gebucht und vor Ort. Es gab also keinen Grund zu denken, dass mich keiner ernst nimmt. Ich habe mich da selbst aus dem Gedankenkarussell nicht mehr befreien können und auch meine Familie und Freunde kamen schlecht an mich ran. Ich habe mir einen Coach gesucht. Wir haben eineinhalb Jahre in unregelmäßigen Zeiträumen miteinander gearbeitet. Regelmäßig war gar nicht möglich, da ich auch häufig über mehrere Wochen auf einer Produktion war. Mir hat das sehr gut getan.
Auf Job ist kein Platz für persönliche Befindlichkeiten. Es sollte natürlich so sein, dass es jedem gut geht. Aber dein aktuelles Gespenst im Kopf darf auf dem Job nicht spuken. Schwierig, wenn es dich schon im Griff hat. Im Coaching ging es aber nur um mich und meine Ziele. Frei von Rechtfertigungen und Erklärungen. Ich konnte Situationen ansprechen, wie ich sie empfand und herausfinden, warum ich es so wahrgenommen habe. Dafür muss man sich im Allgemeinen nicht entschuldigen. Trotzdem ist es sinnvoll sich aus Situationen mal rauszunehmen, von weiter weg zu betrachten und weniger impulsiv zu reagieren.
Zusammen haben wir zwei „Rollen“ herausgearbeitet. Die Business-Maren und die private Maren. Das kann sich bei uns in der Branche schon mal vermischen, ist ja auch Typabhängig. Ich hatte da zeitweise Schwierigkeiten eine klare Trennung festzulegen. Außerdem ist es ein “Nasengeschäft” und die persönliche Handschrift zählt bei Buchungen. Ich habe Methoden an die Hand bekommen in Situationen besser zu reagieren. Kommunikationstechniken geübt. Ich habe auch Strategien entwickelt, Erlebtes zu verarbeiten. Gute Erlebnisse und weniger gute Erlebnisse.
Manchmal hatte ich wenig Zeit für mich. Da habe ich den Kalender so eng geplant, dass ich die Zeit zum Luft holen vergessen habe. Die ist wichtig! Das habe ich lernen müssen. Ich kann jetzt gar nicht mehr sagen, wann ich das letzte Mal in eine Schublade gesteckt wurde. Selbst wenn es jemand versucht hat. Ich habe es nicht mehr wahrgenommen. Weil es mich nicht mehr persönlich trifft. Wenn es Situationen im beruflichen Alltag gegeben hat, kommt es nicht mehr an mich ran. Es kann in solchen Momentaufnahmen nämlich nicht um mich als Person gehen. Die kennt ja kaum jemand auf so einem Job.
Was würdest du gern an andere Frauen in der Branche weitergeben?
Um es mit den Worten eines bekannten deutschen Künstlers zu sagen: „[…] das Wichtigste ist, dass das Feuer nicht aufhört zu brennen.“ Seid aufmerksam und authentisch. Lasst euch nicht klein reden und seid mit Herz dabei. Es ist euer Weg und den geht kein niemand sonst. Gönnt euch Pausen und habt keine Angst etwas zu verpassen, wenn ihr einen Job mal nicht annehmen könnt. Glänzt durch eure Fähigkeiten und lasst euch nicht in das Battle reindrücken, immer noch mehr geben zu müssen als eure Kolleg*innen.
Was müsste deiner Meinung nach passieren, um die Sichtbarkeit zu erhöhen?
Also nach den Kulturgesichtern haben meine Freundin und ich auch schon überlegt, dass eine Plattform für weiblich gelesene Technikerinnen, weil wir beide welche sind, eine gute Geschichte wäre. Das Netzwerk hier durch euch ist schon eine super Sache. Wir haben auch festgestellt, dass wir wenig Frauen im engeren Kollegenkreis haben. Es kamen immer häufiger Anfragen, für die explizit weibliche Crewmitglieder gesucht wurden. Und wenn du den Job zeitlich nicht machen kannst, dann überlegst du schon, wen es da noch so gibt. Man kann ja nicht auf jeder Hochzeit tanzen. Egal welches Geschlecht. Und man ist auch unterschiedlich aufgestellt, man spezialisiert sich. Es fährt halt nur nicht jede*r gerne im Tourbus durch die Gegend oder man muss mal ins Studio beim Fernsehen schauen und in die Theater. Unsichtbar sind wir nicht und wir sind viel mehr Frauen, als es scheint. Aber um die Sichtbarkeit zu erhöhen, funktioniert „we are a lot“ beispielsweise wunderbar.
Was ist dein wichtigstes Tool im Arbeitsalltag?
Meine Ohren. Klingt wahrscheinlich erstmal logisch im Gewerk Audio. Die Technik, die zum Einsatz kommt, lässt sich gar nicht auf ein wichtigstes Tool reduzieren. Aber meine Ohren sind am Ende meine Referenz. Es kann alles noch so schön „aussehen“ in der Software fürs System oder der EQ im Pult oder man setzt tolle PlugIns ein. Bestimmte Dinge kann man auch nicht außen vor lassen. Gain Struktur wäre da ein wichtiges Stichwort. Am Ende muss es klingen.
Und man muss die Menschen um einen herum hören, also zuhören. Da muss man auch manchmal gut filtern, um herauszuhören welche Sprache gerade gesprochen wird. Und damit meine ich, dass man sich als Techniker*in in sehr verschiedenen Situationen wiederfindet. Ist man gerade nur ausführend oder braucht es Unterstützung, gute Erklärung oder eine Idee? Fachlich oder kommunikativ? Ist es ein gemeinsames Arbeiten oder befindet man sich in einer Hackordnung? Ist es gefordert sich durchzusetzen oder braucht es einen Kompromiss oder vielleicht sogar Deeskalation. Ist das Gegenüber gerade nervös oder unter Druck? Job nach Vorschrift oder deine Expertise? Ist alles tipi topi oder fehlt da noch ein My? Was steht da zwischen den Zeilen – das gehört alles zu meinem Arbeitsalltag.
Was hat dich deine Arbeit gelehrt?
Es kochen alle nur mit Wasser. Geschlechter unabhängig tragen alle ihren Rucksack und die in meinen Augen besten Leute haben die größten Selbstzweifel.