Musikproduzentin
Wie bist du in den Bereich gekommen und wie war dein beruflicher Werdegang?
Ich habe mein erstes Instrument mit sechs angefangen zu spielen. Das war Schlagzeug. Hier und da hatte ich so mit circa elf meine ersten Bands und da habe ich schon gemerkt, dass ich Songs schreiben wollte. Das war am Schlagzeug recht schwierig. Dann habe ich angefangen, Gitarre zu spielen und mein Gitarrenlehrer hat mich mit einem Freund bekannt gemacht, der Produzent war und ein eigenes Tonstudio führte. Ich habe immer mehr gemerkt, dass nicht nur das Songwriting an sich, sondern auch das Produzieren und Sounds finden mir mega viel Spaß macht. Ich hatte auch kurz überlegt, Filmmusik zu studieren, aber das geht in Deutschland leider nur mit Bachelor of Music. In den Niederlanden war es damals so, dass man Tontechnik mit Songwriting, Filmmusik und Werbung, also quasi alles machen konnte. Sie unterstützen dich bei allem und dann legt man irgendwann seinen Schwerpunkt fest. Also eigentlich optimal, und so wie es sein sollte. In Mannheim haben sie damals aber zum Beispiel gesagt, wenn man Songwriting studieren will, dann müsse man singen. Ich kann aber nicht singen. Dann hieß es, ich solle doch den Studiengang Toningenieur beziehungsweise Tontechnik belegen. Mittlerweile bin ich auch selbst Dozentin an der Hochschule und habe immer Änderung und Vorschläge angebracht. Ich versuche schon sehr viel umzusetzen, aber in Deutschland muss man leider erst immer alles beantragen. Das ist schon etwas frustrierend und dann hat vieles aufgrund von Corona auch nicht stattgefunden.
Was machst du da genau als Dozentin?
Musikproduktion, einmal für Einsteiger und Fortgeschrittene. Ich halte es allerdings sehr praktisch. Momentan noch online, da schicke ich den Student*innen Samples rüber. Dann bauen wir zusammen einen Beat und gucken, wo es hakt, oder wo wir nicht weiterkommen. Als Abschlussaufgabe bekommen sie dann einen Song, den sie selbst bauen müssen. Zum Beispiel im ‘Advanced’-Kurs sage ich am Anfang des Semesters, sucht euch einen Song aus, den ihr über das Semester bearbeiten wollt und dann arbeite wir zusammen daran. Die Mitstudierenden geben natürlich auch Feedback. Eine*r kommt aus dem Jazz, andere aus der Klassik, die andere ist Sänger*in und man bekommt Einblicke in super diverse Sichtweisen, die vielleicht auch gar nicht der Ursprungsidee entsprechen, aber dich echt nach vorne bringen. Mir gibt es auch immer wieder neuen Input. Vor allem, was Kreativität angeht – meine Student*innen hören auch ganz andere Musik als ich. Ich freue mich zum Beispiel, wenn Avril Lavigne wieder einen neuen Track rausbringt. Und die Ultra-Jazzer, die gefühlt nie dieselben Akkorde benutzen, denken sich: “Okay super, wieder die vier selben Akkorde”. Das ist dann immer ganz witzig und interessant. Alle sind aber total offen und dann funktioniert das auch auf einer sehr respektvollen Ebene. Natürlich auch echt inspirierend für mich.
Mit welcher Künstlerin lebendig oder tot würdest du gerne mal einen Tag verbringen?
Voll gerne ein*e Künstler*in Richtung Pop-Punk. Es gibt da ja momentan dieses Konglomerat mit John Feldman, Travis Barker, Machine Gun Kelly, Avril Lavigne und Blackbear. Vielleicht wäre auch Yungblud dabei. Ein Tag mit denen allen im Studio, das wäre schon sehr schön. Da würden mindestens zehn Hits bei rauskommen.
Was war dein schönster Moment?
Ich habe über Corona angefangen ein bisschen “Back to the roots”-Musik zu machen, weil man sehr viel Zeit hatte. Endlich Zeit um etwas zu tun, was man schon immer mal machen wollte. Ich komme aus dem Pop Punk und ich wollte schon immer in dieser Richtung Musik schreiben und produzieren. Und dann habe ich bei meinem Masterkonzert eine fantastische Sängerin kennengelernt, auch hier aus Köln. Tanja Kührer heißt sie und mit ihr habe ich jetzt eine Platte gemacht und daraus hat sich jetzt auch eine Band (“One Swallow Doesn’t Make a Summer”) entwickelt. Ich glaube der schönste Moment war jetzt vor ein paar Wochen, als ich unsere erste Single hochgeladen habe und am 4. März kam sie dann raus.
Was hat dich deine Arbeit in der Musikbranche gelehrt, was du auf andere Lebensbereiche anwendest?
Ich glaube, was ich gelernt hab ist vor allem, sich nicht unter Wert zu verkaufen. Was man sowieso nie tun sollte. Den Markt nicht deinen Preis bestimmen zu lassen und vor allem, dass ich nur mit Leuten arbeite, die ich mag und die nett sind. Das kann nämlich meistens auch kein Geld der Welt aufwiegen.
Wie sieht dein Arbeitsalltag aus, wenn du anfängst mit einer neuen Künstler*in zusammenzuarbeiten?
Also was ich immer mache, bevor ich mit jemandem zusammen arbeite, ist, erstmal zusammen einen Kaffee trinken, um zu schauen ob man sich gut versteht, ob die Chemie stimmt. Das merkt man schon sehr schnell. Ich hatte noch nie die Erfahrung, dass es so gar nicht eine Wellenlänge war. Es gab einen Künstler, der war sehr jung und kam vom Dorf und war dann so ein bisschen „Krass, du bist auch mit einer Frau verheiratet!“ Er war schon offen, aber es ist halt eine andere Welt einfach. Aber mit dem habe ich auch zusammengearbeitet und es hat dann echt Spaß gemacht.
Wie läuft es denn sonst ab, wenn ihr jetzt ins Gespräch geht? So im Groben vielleicht mal ein klassischer Arbeitsalltag von dir?
Meistens lasse ich mir vorher von den Künstler*innen eine Playlist erstellen, also maximal fünf Songs und möglichst in einem Genre. Die Fragen, die ich vorher stelle, sind „Wo siehst du deinen Sound?“ und „Was findest du gut?“. Wenn da dann die volle Bandbreite an weltweit existenten Musiker*innen käme, wäre es doch wirklich schwierig zu differenzieren, was die Person mag und was nicht. Und dann noch: Ganz viel reden. Worin sieht die Künstler*in sich, was ist ihr/ihm wichtig, was mag die Künstler*in gerne an Sounds, welche Synthies und vor allen Dingen die Emotion, die rüberkommen soll.
Was würdest du gerne anderen Frauen in der Branche weitergeben?
Ich glaube, ein bisschen standhafter zu sein und mehr die Eierstöcke raushängen zu lassen. Ich habe gemerkt, dass frau doch sehr kritisch beurteilt wird. Wenn zum Beispiel ein Produzent ankommt und sagt „Boah, Ich habe nen Beat gebaut, der Wahnsinn.“ – ich habe, glaube ich, noch keine Frau erlebt, die das so gesagt hat. Und das ist manchmal ganz einfach ein bisschen schwierig für die Wahrnehmung von außen, weil in gefühlt allen Positionen weiße alte Männer sitzen. Ich denke, wenn man eine sehr selbstbewusste Art hat und sehr von seiner Arbeit überzeugt ist, kommt das einfach gut an. Und ich möchte das auf jeden Fall auch lernen. Ich bin leider zu oft eher so “Hier, das habe ich mal gemacht, aber das ist noch nicht fertig. Und das und das wollte ich noch ändern”…
Was ist dein wichtigstes Arbeitstool?
Ich würde sagen ganz klar meine Ohren, um zuzuhören. Also vor allem bei Künstler*innen, um dann die richtige Emotion bei einem Song zu greifen und herauszuarbeiten. Das ist natürlich auch immer sehr persönlich. Aber die emotionalsten Songs waren immer die, wo die Künstler*innen am Mikrofon geweint haben. Man hört es einfach in der Aufnahme, dass es echt ist. Tonhöhenkorrekturen kann ich im Nachhinein immer machen. Aber die Emotionen einzufangen ist das wichtigste, die kann ich nicht bearbeiten. Es muss authentisch sein. Wen will man überzeugen, wenn du es selbst nicht fühlst.
Und wie sieht es aus, mit Mixen und Mastering, hast du dann auch deine Ansprechpartner*innen, oder hast du das selbst?
Also im Optimalfall, wenn genug Geld für die Produktion vorhanden ist, versuche ich zu produzieren und dann alles weitere abzugeben. Meistens mische ich allerdings dann doch noch. Aber Mastering mache ich zum Beispiel nicht. Da ist es richtig schwierig, Frauen zu finden. Leider habe ich auch noch nie mit einer Frau in dem Bereich zusammengearbeitet. Mittlerweile habe ich dann doch zwei Studios bzw. weibliche Mastering-Engineers gefunden, aber die Zusammenarbeit hat sich bis jetzt noch nicht ergeben. Vielleicht ja für die nächste Produktion.
-> Könnte man das Statement gekürzt nehmen & dann in der Caption dazu aufrufen, dass sie Frauen aus dem Bereich melden könnten?
Was war ein Konzert, das dich berührt hat und warum?
Ich war ganz großer Fan von der Band Heisskalt, und das Album “Vom Stehen und Fallen” hat so viel mit mir gemacht. Die Gitarren-Arrangements waren ein Traum und die Texte waren super deep. Auf dem Konzert ging es dann aber total ab. Ich fand es richtig cool, dass so eine Art von Musik wieder kommt. Davor gab es ja schon eine sehr lange elektronische Welle und dann ging es endlich wieder langsam mit den ganzen Indierock-Bands los. Das hat mich sehr gefreut. Ich war auch im Studio, in dem sie das Album aufgenommen haben. Ich kannte einen Produzenten dort und er hat mir erzählt, wie sie die Drums aufgenommen haben, das war einfach ein Traum.
Würdest du dich wieder für diese Laufbahn entscheiden? Wenn ja, warum?
Das ist eine schwierige Frage. Aber ja, würde ich. Einfach weil es mich sehr erfüllt. Allerdings finde ich es auch schwierig hinsichtlich mancher Dinge wie Haus kaufen, Familie gründen, Absicherung und Rente. Also das sind schon Punkte. Meine Frau hat glücklicherweise einen in Anführungszeichen richtigen Job (lacht). Als Corona angefangen hat war immer klar, egal was passiert, wir können unsere Miete zahlen. Eine Freundin von mir hat seit Corona quasi kein Geld verdient und da sah das natürlich ganz anders aus. Sie fiel durchs Raster, weil sie gerade angefangen hat zu studieren. Dann hieß es, man kann einfach Arbeitslosengeld beantragen oder Hartz IV. Dann hat sie mit dem Arbeitsamt telefoniert und die Fragen fingen an: „Haben sie denn einen Bausparvertrag?“ oder „Wie alt ist denn Ihr Auto?“. Dann hätte sie ihr Auto verkaufen, ihren Bausparvertrag auflösen, das Geld aufbrauchen und sich dann wieder melden müssen. Das ist einfach eine Horrorvorstellung. Also von daher finde ich es schon manchmal ein bisschen schwierig und ich bin auch sehr froh, dass meine Frau akzeptiert, dass es einfach manchmal schwierig ist.
Im Moment läuft es gut, ich will mich gar nicht beklagen. Ich bekomme neue Aufträge und vor allem viele Künstlerinnen, die mich anfragen, was ich total cool finde.
Hast du denn das Gefühl, dass sich in der Branche generell schon etwas geändert hat? Bzw. hast du das Gefühl, dass Frauen immer relevanter werden?
Ja, langsam. Ich kenne mittlerweile ein paar Produzentinnen, aber nicht viele. Ich erinnere mich an ein Gespräch, in dem es hieß, es wurden zwei Produzentinnen in ganz Deutschland gesigned und ich war eine davon. Und ich dachte, okay das ist halt echt nicht viel. Aber das ist jetzt auch schon ein bisschen her. Vielleicht hat es sich mittlerweile auch geändert. Ich bin auch sehr froh, denn das Team bei Sony zum Beispiel ist inzwischen sehr weiblich besetzt. Aber im Studiokontext, glaube ich leider nicht, dass es so relevant ist. Ich habe das Gefühl, viele männliche Produzenten finden es zwar cool, wenn es Frauen in diesem Tätigkeitsfeld gibt und unterstützen das auch. Aber es gibt viel zu wenige, um relevant zu sein. Aber ich habe zum Beispiel noch nie wirklich negative Erfahrungen im Studiokontext gemacht. Ich glaube, wenn man sich sicher in seinem Arbeitsumfeld bewegt und souverän ist, bekommt man auch eher wenig Probleme aufgrund des Geschlechts, oder zumindest hatte ich das Glück, diese Erfahrung bis jetzt nicht machen zu müssen.
Was können wir tun, damit es besser wird?
Ich versuche vor allem die Studentinnen zu motivieren, auch zu produzieren und sich wirklich mal vor eine DAW zu setzen. Es gibt tatsächlich bei uns an der Hochschule auch ein paar, die richtig Bock darauf haben. Mehr Sichtbarkeit von denen, die es gibt. Ich bin ein mega großer Fan von Ann Mincieli. Das ist die Produzentin von Alicia Keys. Sie besitzt auch in New York die Jungle City Studios. Aber viele Leute kennen sie halt nicht. Ich arbeite fast ausschließlich mit Frauen und versuche auch immer, wenn ich irgendwas gebaut haben will oder wenn ich irgendwas brauche, zu schauen, gibt es irgendeine Frau, die das kann? Beispielsweise habe ich mir neulich einen neuen Tisch bauen lassen und die Freundin eines Kumpels macht momentan eine Schreiner*innen-Ausbildung und konnte mir diesen wundervollen Tisch dann bauen.
Gibt es etwas, das unbedingt noch sagen möchtest?
Ich würde mir wünschen, dass es mehr Frauen und Diversität in meiner Produzentinnen-Welt geben würde und vor allem, dass man sich noch mehr connected. Ich habe das Gefühl, es sind schon viel mehr am Start, aber viele bleiben auch gerne in ihrem gewohnten Territorium und sind dann eher zögerlich nach außen. Ich fände es richtig cool, wenn es ein all female Kollektiv geben würde. Ich habe letztens tatsächlich eine Frau kennengelernt, die ist CEO des “Ladies und Ladys Label” in Münster. Das ist ein diverses Musiklabel auf vor allem FLINTA* Personen ausgerichtet. Mit denen bin ich hin und wieder im Gespräch und würde gerne auf irgendeinen Art und Weise zusammenarbeiten. Die sind zwar noch sehr klein, aber das Konzept finde ich einfach mega. So etwas in Köln wäre natürlich auch super cool. Es ist eigentlich völlig absurd, dass es das noch nicht gibt.