Production Managerin
Wie bist du in den Bereich gekommen und wie war dein beruflicher Werdegang?
Mein erster Job war 2013 auf einer Münchner Olympiastadionshow bei Bruce Springsteen als Production Assistant, das fand ich mega cool. Ich hatte davor schon eine Frauen-Punkrockband, daher kannte ich die Branche schon. Es ist immer super, wenn man Veranstaltungen auch aus der Künstlersicht kennt und dann „die andere Seite“ kennenlernt.
Damals habe ich noch Lehramt studiert – und dann gemerkt, ich will weiter in der Veranstaltungsbranche arbeiten. Ich bin dann einfach ins kalte Wasser gesprungen, und hab mein Studium geschmissen. Das war keine leichte Entscheidung und hatte erst mal ne harte Zeit, aber ich wusste, dass ich in die Konzertbranche gehöre. Dann habe ich erst mal zwei Jahre lang Praktika und Gelegenheitsjobs wie Merch, Production Assistant, VIP Betreuung, etc. gemacht und war dann irgendwann mit Sportfreunde Stiller auf Tour in Österreich. Eins kam zum anderen und nachdem ich ein paar Jahre als Soloselbstständige gearbeitet habe, habe ich dann vor 2-3 Jahren mit Buffo Völker zusammen eine Produktionsfirma gegründet. Das machen wir jetzt immer noch und planen und organisieren als selbstständige Firma Großveranstaltungen für Live Nation und andere Konzertveranstalter.
Wer oder was hat dir auf deinem Weg geholfen?
Da muss ich jetzt nochmal den Buffo erwähnen. Ich fasse das jetzt kurz zusammen für alle die ihn nicht kennen. Der Buffo war und ist Münchens Go-to-Production Manager und hat mir 2013 die Chance gegeben auf einer fetten Stadionproduktion zu arbeiten. Ich hatte davor noch nie in der Branche gearbeitet und das war ein total krasser Einstieg gleich in die Profiliga. Damals war ich wie gesagt Production Assistant für den Site Coordinator von Bruce Springsteen.
Um sich die Größenordnung vorstellen zu können: Das waren 40 Trucks voll Material oder so für ein Konzert mit 40.000 Leuten im Publikum und ich durfte dabei sein. Das Lustige war, dass ich am Tag davor quasi Vokabeln gelernt habe: Was ist eine Stagehand, was sind Rigger, was ist ein Site Coordinator und was machen die? Ich hatte halt wirklich keine Ahnung, aber habs trotzdem durchgezogen. Ich durfte Dinge machen wie Essensmarken für das Catering verteilen, Wege beschildern und so weiter. Das klingt relativ einfach, aber die Masse der Menschen muss man erst einmal überblicken. Man ist dann plötzlich Teil einer riesigen Produktion und da wächst man dann so rein.
Ich arbeite immer noch auf diesen großen Produktionen, aber halt in einer anderen Position, jetzt kümmere ich mich um einen reibungslosen Ablauf. An Showtagen haben wir tatsächlich bis zu 2.000 Mitarbeiter*innen vor Ort, die koordiniert und akkreditiert werden müssen. Dann muss man schauen, dass gesetzlich alles eingehalten wird, z.B. der Arbeitsschutz. Außerdem müssen zeitliche Abläufe passen: Wann ist die Bühne fertig, wann kommt die Technik rein, wann kommt die Band an. Passen die Dressing Rooms, ist alles eingerichtet? Ist der Rider und die Bühnenanweisung erfüllt? Was die meisten Leute im Publikum gar nicht wissen ist, dass die Halle morgens einfach komplett leer ist: Keine Bühne, keine Technik und nichts im Dach. Wir kriegen es einfach an einem Tag hin, bis zu 30 Trucks voll Material da einzubauen. Dann ist die Halle um 2 Uhr morgens wieder komplett leer, damit um 7 Uhr morgens wieder die nächsten 20 Trucks vor der Halle stehen.
Die Verantwortung ist tatsächlich gestiegen, ist ja auch gut so und es macht einfach mega Spaß. Was mir dabei tatsächlich immer hilft ist der Spruch: „Fake it till you make it“. Dabei habe ich allerdings gemerkt, dass das den Männern tendenziell leichter fällt. Um das anzuwenden, ist es aber auch die beste Branche, es gibt zum Beispiel keine direkte Ausbildung zur Production Managerin nur Veranstaltungstechnikerin und Veranstaltungskauffrau, aber das ist dann nicht das, was man in der Realität macht. Tourmanagement lernt man auch nicht auf dem Papier, man muss es halt machen und dann kann man es oder auch nicht.
Was war ein schöner Moment zuletzt?
Tatsächlich hatte ich gestern einen schönen Moment. Wir sind seit Kurzem mit einer mobilen Teststation unterwegs und da waren wir in einem Münchner Tonstudio, dem Mastermix Studio. Dort durften wir Musiker*innen testen und obwohl es völlig fernab von dem war, was wir normalerweise machen, bewegt man sich trotzdem wieder unter denselben Leuten und man hat mit Künstler*innen zu tun. Wir konnten uns austauschen und fragen, wie es allen gerade geht und auch die Hoffnung der Leute spüren, dass es doch langsam weitergeht und feststellen, dass aus der Pandemie auch was Positives entstehen kann. Das war sehr schön! Ich habe gemerkt, dass die meisten noch da sind und es weitergehen wird, und ich konnte diese positive Energie mitnehmen.
Welche Frauen in der Branche bewunderst du und warum?
Die Frauen, die schon in der Branche gearbeitet haben, als ich angefangen habe, haben mich sehr inspiriert. Die Veranstaltungsbranche ist nach wie vor eher eine Männerdomäne und mittlerweile finden viele Tourleute, dass das gar nicht so cool ist. Das war aber schon mal anders und ich habe mich über jede Frau gefreut, die schon dort gearbeitet und sich etabliert hatte. Ich fand vor allem die alteingesessenen Frauen bewundernswert, weil die das schon so lange gemacht haben, bevor dieses Bewusstsein aufgekommen ist. Egal ob weiblicher Stagehand, Riggerin, Veranstalterin oder Accountant. Das waren die Vorbilder, an denen ich mich orientieren konnte.
Hast du dir also eher Frauen als Vorbild genommen?
Nicht nur, es kommt immer drauf an, welches Thema man betrachtet. Wenn man in einer Führungsposition arbeitet, dann ist es natürlich von Vorteil, starke Frauen im Umfeld zu haben, bei denen man sich ein bisschen abschauen kann, wie sie mit Leuten umgehen und sich Respekt verschaffen. Als Frau wird man ja doch noch anders wahrgenommen als männliche Kollegen. Wenn es um Sachen wie Nachhaltigkeit geht, das ist ja kein geschlechterspezifisches Thema, dann ist es egal.
Was hat dich deine Arbeit in der Veranstaltungsbranche gelehrt, was du auch auf andere Lebensbereiche anwenden kannst?
Klare Aussagen treffen. Kein „hmm, ich weiß nicht, vielleicht machen wir das so, oder doch so“, sondern Entscheidungen treffen und dazu stehen. Du kommst nur weiter, wenn du Entscheidungen triffst, auch wenn sie unbequem sind. Das hat mich im privaten Bereich auch immer weitergebracht.
Was müsste deiner Meinung nach passieren, um die Sichtbarkeit von Frauen in der Branche zu erhöhen?
Naja, solche Formate wie das hier. Ich finde Frauen könnten viel selbstbewusster sein, mit dem was sie können, oder (noch) nicht können – denn es geht ja auch immer darum, was man lernen kann und lernen will. Man sollte einfach sein Potenzial erkennen und nutzen.
Welches unbequeme Thema müsste mehr besprochen werden?
Sustainability (Nachhaltigkeit), und zwar nicht auf der „green washing“-Ebene, sondern in den Bereichen, in denen man wirklich etwas ändern kann. Zum Beispiel Thema Mülltrennung: es ist nicht damit getan, dass man Müll trennt und am Ende wieder alles zusammen kippt, das habe ich leider schon erlebt. Da müssen klare Lösungen her und da muss man sich auch zusammensetzen und es gemeinsam erarbeiten. Das ist ein firmenübergreifendes Thema, da sollte es kein Konkurrenzdenken geben, wir sind auf einem Planeten und deswegen muss man in dem Punkt zusammenarbeiten.
Zum Thema Strom (das betrifft vor allem Festivals und Open Airs auf dem freien Feld) arbeiten wir in Deutschland weitestgehend nach wie vor mit Dieselgeneratoren. Wenn es keinen Feststrom gibt, pumpen wir die Dieselabgase einfach ungefiltert in die Luft. Da wurde mir vor Kurzem erst bewusst, wie böse wir in dem Bereich sind. Eigentlich kann man dieses Problem relativ einfach lösen, indem man so viel wie möglich an den Feststrom anbindet oder mit Akkus – in welcher Form auch immer – arbeitet, um Belastungsspitzen puffern zu können. Dazu braucht es Elektriker*innen, die gewillt sind auf dieser Ebene etwas zu tun. Egal welche Strommischung aus der Steckdose kommt, alles ist besser als Dieselgeneratoren. Das ist ein Ziel, an dem wir gerade arbeiten. Ein anderes Beispiel wären Pfandsysteme für die Crew vor Ort, damit man nicht immer diese Wegwerfbecher benutzt. Oder eben auf Mülltrennung achten und darauf hinweisen, damit die Flaschen auch wirklich wieder recycelt werden. Auch eine super Initiative: Die Firma Trash Galore, man sammelt Materialien, die liegen bleiben, also Banner, Messeteppiche, Sperrholz und so weiter, sie transportieren das dann ab und spenden es weiter. Das ist vor allem im Messebereich wichtig, aber findet ja auch im Produktions- & Konzertbereich statt. Ich bin außerdem fest davon überzeugt, dass auch kleine Sachen wie mit einer Newcomer Band auf Tour fahren und nur noch Glasflaschen verwenden etwas bringt. Man darf die Vorbildfunktion nicht unterschätzen. Man muss Wissen und Best-Practice-Methoden teilen, dann kann man einiges bewegen.
Das Ende der Fahnenstange, was würdest du für dich gerne noch erreichen?
Ich glaube, da habe ich eine ziemlich außergewöhnliche Antwort, ich will mich immer weiterentwickeln, egal was, egal wohin. Ich will mir immer neue Herausforderungen setzen und es ist mir im Grunde egal, wo ich hingehe. Vielleicht habe ich ja in 10 Jahren ein Cateringunternehmen. Ich glaube es zwar nicht, aber wer weiß? Nichts ist so sicher wie die Veränderung. Ich will einfach nie irgendwo ankommen, sondern mich immer weiterentwickeln, am Zahn der Zeit bleiben und vor allem jungen Menschen zuhören, das ist so wichtig.
Wie nimmst du den Fokus von dir (als Frau) hin zu dir (als Person) in der Branche?
Wir haben total nette Kollegen, aber manchmal benutzen sie Kosenamen, ohne dass ihnen bewusst ist, dass diese Verniedlichung auch degradierend sein kann. Da habe ich mich anfangs furchtbar drüber aufgeregt, bis mir bei manchen aufgefallen ist – der nennt nicht nur mich so, sondern einfach alle hier, und dann war es für mich persönlich nicht mehr so schlimm. Ich mag das trotzdem nicht, ich sag dann eher „Klar kann ich das für dich tun, wenn du mich nicht mehr Mausi nennst.“ Aber ich hatte zumindest nicht mehr das Gefühl, so stark für mich einstehen zu müssen, weil die Bezeichnung nicht auf mein Geschlecht bezogen wurde.
Was würdest du gerne besser können, was machst du schon besser?
Ich hätte gerne öfter dieses Selbstverständnis oder Selbstbewusstsein, dass ich die Dinge, die ich mache, gut mache. Ich muss mich immer wieder selbst daran erinnern, dass mein Job gar nicht so einfach ist, wie ich es immer darstelle, sondern dass ich einfach gut darin bin.
Das ist tatsächlich was, wo ich an mir arbeite: mich selbst und die Dinge, die ich mache, gut zu finden. Dabei hilft es auch wieder sich zu trauen, neue Herausforderungen anzunehmen. Im Nachhinein kann man dann darauf zurückblicken und sich denken, wenn ich das schon alles geschafft habe, dann kriege ich das jetzt auch noch hin.
Wie gehst du damit um, wenn du in Schubladen gesteckt wirst?
Ich habe beobachtet, dass Menschen während der Pandemie gezwungenermaßen immer mehr in ihren Blasen verschwinden, weil man logischerweise weniger Kontakt zu anderen Menschengruppen hat. Ich glaube, das kann ein großes Problem für unsere Gesellschaft werden. Bei uns ist das so: Normalerweise arbeiten bis zu 2.000 Mitarbeiter*innen, an einem Showtag, da ist man eine Crew, oder eine Tourfamilie. Man hat eine Mission und um die zu erfüllen, ist es in erster Linie egal, ob du Biker*in oder Feminist*in bist. Man arbeitet mit so vielen verschiedenen Menschen, man tauscht sich aus, beeinflusst sich gegenseitig und lernt andere Menschen und ihre Meinungen kennen, die aus ganz anderen Bereichen kommen. Und jetzt, wo man immer mehr auf das Private und in seine Bubble gedrückt wird, verliert man diese Offenheit total. Das trägt definitiv zur Polarisierung bei, die gerade stattfindet. Dieses Schubladendenken müssen wir unbedingt wieder aufbrechen, spätestens wenn wir wieder aufeinander losgelassen werden und es weiter geht.
Was würdest du gerne an andere Frauen aus der Branche weitergeben?
Glaubt an euch und macht es einfach! Ich freue mich total, wenn ich mehr Frauen oder Sternchen (*) in der Branche treffe und supporte sie, wo ich kann. Die allermeisten Leute finden es cool, wenn mehr Frauen auf Tour sind, ich kenne niemand, der sagt: “Wir wollen lieber in einer ‘Männerblase’ sein”. Was wichtig ist, ist sich natürliche Autorität anwachsen zu lassen und nicht in einen Raum zu gehen und versuchen laut zu sein, oder rumzuschreien. Das habe ich leider auch viel erlebt, geht aber immer nach hinten los. Du wirst immer mehr respektiert werden, wenn du dir das selbst erarbeitest durch klare konsequente Ansagen und Einfühlungsvermögen.
Ich habe leider das Gefühl, dass es manchmal schwieriger ist als Frau sich Respekt zu erarbeiten, vor allem wenn man sehr jung ist, aber da muss man reinwachsen und sich durchkämpfen. Es hilft manchmal zu sagen: „Stopp, ich mache hier die Ansagen.“, und dabei dann straight ist. Sich diese natürliche Autorität zu erarbeiten ist hart, aber lohnt sich sehr. Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass auch Frauen, die nicht so tough sind, keine Probleme mehr damit haben, wahrgenommen und ernstgenommen zu werden. Da müssen wir hinkommen, ich musste mir über die Jahre leider viel anhören, wie die meisten anderen Frauen wahrscheinlich auch. Natürlich hilft einem diese Stärke auch in einer Führungsposition, aber noch wichtiger ist der gegenseitige Respekt.
Was läuft gut?
Ich finde es toll, dass Frauen sichtbarer werden in der Branche, das Gefühl habe ich tatsächlich. Wir werden lauter und Diversität wird mehr in den Mittelpunkt gestellt. Ich glaube, die Gesellschaft ist in gewisser Weise ein bisschen mehr bereit für uns und es ist schön, dass das in der Öffentlichkeit angekommen ist und man sich traut, drüber zu sprechen. Man ist einfach viel weniger angreifbar, wenn der Konsens da ist, dass da was passieren muss. Wir sind auf einem guten Weg.