Danny Kufner

Veranstaltungskauffrau

Welche Frauen in der Musikbranche bewunderst du und warum?

Ich bewundere eigentlich fast alle Frauen in der Branche, weil die die ich kenne und mit denen ich zusammenarbeite einfach einen fantastischen Job machen. Sie haben sich gegen männliche Mitbewerber durchgesetzt.

Was müsste deiner Meinung nach passieren, um die Sichtbarkeit der Frauen in der Branche zu erhöhen? 

Ich denke, wir müssten auf jeden Fall noch an unserem Netzwerk arbeiten und uns noch mehr nach vorne stellen. Es müsste noch mehr Frauen geben, die sich nicht so stark im Hintergrund halten. Sie machen zwar einen fantastischen Job, aber trauen sich vielleicht hier und dort nicht nochmal einen Step weiter nach vorne zu gehen, um zu zeigen was sie draufhaben. Und wir müssen uns gegenseitig vor allem weiterempfehlen!

Was hat dich deine Arbeit in der Veranstaltungsbranche gelehrt, was du auch auf andere Lebensbereiche anwenden kannst?

Mein Job ist Örtliche Veranstalterin und das lehrt einen auf jeden Fall Durchhaltevermögen. Und die Stressresistenz wird ordentlich ausgebaut, oder wurde bei mir die letzten 10 Jahre ordentlich ausgebaut. Immer einen Plan B in der Tasche zu haben, ich glaube das ist etwas was man gut lernt. Wenn du eine Produktion hast, dann kannst du nicht sagen, wir können das nächste Woche nochmal machen. Du kannst zwar alles planen und gut vorarbeiten, aber es passieren immer Dinge, die unerwartet sind und dann muss man schnell reagieren. Das kann man sicherlich im Privaten, wie auch in anderen beruflichen Bereichen immer gut anwenden. 

Wie nimmst du den Fokus von dir als Frau hinzu dir als Person in der Branche?

Ich versuche da für mich selbst keinen Unterschied zu machen. Nicht: Ich bin eine Frau in der Branche, klar bin ich eine Frau in der Branche. Ich versuche schon immer, mit dem was ich mache und mit der Erfahrung, die ich gemacht habe, mich als Person hinzustellen und zu sagen: Das ist meine Meinung und die habe ich nicht, weil ich eine Frau bin, sondern weil ich eine professionelle Meinung dazu habe. Ich persönlich, stelle dieses „Ich bin eine Frau in der Branche“ selten in den Vordergrund. Wenn man sich ständig rechtfertigt, steckt man sich selbst in eine Schublade, gegen die wir ja kämpfen. Man sollte sagen, das ist mein Job und das mache ich gut, mache aber auch Fehler und lerne daraus. Das macht man nicht selbst, dass man als Geschlecht den Raum betritt – das macht die Gruppe oder das Gegenüber. Ich glaube für Frauen, die sehr feminin sind, ist das Thema Geschlecht noch viel präsenter, als es vielleicht bei mir ist. Das sind zumindest meine Erfahrungen. Man sollte es eher ins Positive drehen, ich habe als Frau auch Qualitäten oder Eigenschaften, die eher feminin sind, was zum Beispiel Emotionen angeht, das wird ja oft negativ belegt im Sinne von emotional = empfindlich, aber das emotionale, was eine Frau mitbringt, ist ja in vielen Bereichen auch klärend und bringt Ruhe. 

Würdest du dich wieder für diese Laufbahn entscheiden und wenn ja, warum?

Würde ich wieder machen. Ich bin ja relativ spät in den Rock n‘ Roll gerutscht und wenn ich jetzt zurückschaue, frage ich mich, warum das so lang gedauert hat, weil ich liebe, was ich mache. Musik hat immer eine Rolle gespielt, aber nicht im hauptberuflichen Kontext. Ich bin vor elf Jahren in die Branche gekommen. Davor habe ich auch in einer sehr männerdominierten Branche gearbeitet– in der IT, da habe ich programmiert. Da arbeitest du nur auf ein Endprodukt hin und dann bist du raus, da habe ich nie die Liebe entwickelt, die ich jetzt habe. Nicht wie bei einem Konzert, bei dem es ganz viel Vorproduktion gibt und so viel vorher passiert, was die Menschen, die das Konzert besuchen ja gar nicht wissen, dass man schon ein Jahr im Voraus angefangen hat. Da steht man am Abend in der Halle und sieht, was man gemacht hat. Dass die Produktion gut läuft und dass man an einem Großteil davon mit beteiligt war. 

Was würdest du gerne besser können, oder was machst du schon besser?

Da gibt es eine riesige Bandbreite an Antworten. Was ich vielleicht schon besser kann, ich habe gerade jetzt zu den Pandemie Zeiten sehr viel konzeptionelle Arbeit gemacht, das hatte ich vorher noch nicht so viel gemacht. Das macht mir Spaß und ich habe mich da gut reingefunden, das ist etwas was ich gelernt habe und schon besser kann. Was ich gerne besser können möchte, ist das freie Sprechen. Wenn ich hier so sitze – ich kenne euch und kann die Fragen beantworten, aber ich werde oft auch eingeladen, zu Podiumssachen oder ähnlichem, das habe ich bis jetzt fast immer abgesagt, weil mir das nicht so leicht fällt. Ich glaube Übung ist das einzige, wodurch es besser wird. Ich habe zum Beispiel für die Gay Games den Letter of Support geschrieben, sowas habe ich vorher noch nie gemacht. Ich bin überhaupt keine Schreiberin. Wenn ich in einer Jury sitze und für eine Band einen 10-Zeiler verfassen soll, das fällt mir echt schwer. Ich kann dir das alles erzählen, aber es auf Papier zu bringen, das würde ich gerne besser können. Es hat ja einen Grund, dass man hinter oder neben der Bühne arbeitet, da macht man alles perfekt, quatscht ununterbrochen. Aber sobald es auf so eine Bühne geht und da sitzen 400 Leute, alle gucken natürlich auf die, die das Mikro in der Hand hält, das ist für mich der blanke Horror, wirklich. Wir haben bei der Sommerbühne 63 Tage am Stück gespielt und irgendwann kommst du dann in eine Routine rein, es wird einfacher und nur so kannst du es lernen. Bei der Sommerbühne waren wir zu dritt und mussten uns den Moderationsjob teilen, nur so ist es fair. Das ist mir die ersten Tage echt schwergefallen. Ich habe aber auch z.B einen riesigen Respekt davor, wenn sich jemand allein mit der Gitarre in die Fußgängerzone stellt, ich könnte das nie. 

Was bestärkt dich in schwierigen Zeiten?

Der Zuspruch von anderen. Ich engagiere mich ehrenamtlich in vielen Bereichen, das habe ich eigentlich schon immer gemacht, über meine tägliche normale Arbeit hinaus, immer in irgendwelchen Projekten rumzuwurschteln. Auch wenn teilweise der Arbeitsaufwand deutlich zu hoch war, hat mich das immer weitergebracht und bestärkt. Man braucht gerade in der jetzigen schwierigen Zeit Input von verschiedenen Seiten – Menschen, die sagen: „Großartige Sache, die ihr da macht“. Auch wenn man seit einem halben Jahr nicht weiterkommt, aber es ist so wichtig dranzubleiben, weil sonst macht es vielleicht keiner. Die Nico S. hatte in den Arbeitsgruppen, die wir gerade haben für „Sommer in der Stadt“ mal zu mir gesagt: „Es ist so super, dass ihr das macht und alle Veranstalter an einen Tisch holt.“ Sowas bestärkt mich. 

Wer oder was hat dir auf deinem Weg geholfen?

In aller erster Linie meine Frau, die immer hinter allem steht, was ich mache und das ist nicht selbstverständlich. Wenn man sich die Branche mal anschaut und die Menschen mit ihren Beziehungen und Schwierigkeiten, die damit einhergehen. Meine Frau hat mit der Branche gar nichts zu tun, wir sind jetzt 10 Jahre zusammen; eine Zeit, in der ich rund um die Uhr gearbeitet habe, auch an Wochenenden. Wenn sie das nicht mitgetragen hätte, wäre ich vielleicht auch gar nicht hingekommen, wo ich jetzt bin. Auch bei südpolmusic wurde ich gefördert, gerade in den ersten Jahren, in denen ich die örtliche Abteilung übernommen habe. Du musst halt auch immer von jemandem die Chance kriegen, den Platz zu füllen und bestehende Wege ändern zu dürfen. Wenn es damit besser läuft – gut für alle; wenn es vielleicht nicht so die beste Idee war, dann geht man das nächste Projekt an. Es ist aber wichtig Menschen zu haben, die einem auch mal was zutrauen, obwohl du das vielleicht noch nie gemacht hast. Wenn man dich ins kalte Wasser fallen lässt, dann merkst du auch – kannst du schwimmen oder nicht, kriegst du es hin oder nicht? Ich weiß noch genau, meine erste Produktion sollte ich gar nicht allein durchführen, das war so nicht geplant, ich war noch im Praktikum. Das war Jupiter Jones im 59to1. Chris hätte die Produktion machen sollen, ist aber die Nacht vorher von einer Tour zurückgekommen und war wirklich im Arsch. Und dann hieß es „Danny, du musst jetzt die Produktion übernehmen.“ Dann stand ich da und es ging von Anfang an alles Mögliche schief. Eine Monitorbox hat gefehlt, die bestellt werden sollte, hin und her. Am Abend hatten wir eine mega Show und ich habe es irgendwie hingekriegt. 

Was ist dein wichtigstes Tool im Arbeitsalltag?

Excel. Es gibt sicherlich noch ein paar andere wichtige Tools, aber Excel ist es in meiner Welt. Wir haben letztes Jahr das Booking für die Sommerbühne relativ kurzfristig, innerhalb von zwei Wochen gemacht, also echt eine kurzfristige Nummer. Das war abartig, aber es hat alles funktioniert. War auch viel Glück dabei, dass kein großer Mist passiert ist. Dieses Mal haben wir schon einen ewigen Vorlauf, und ich kann nur sagen mit viel mehr Vorlauf und viel mehr Organisation habe ich den Eindruck, werden Dinge auch viel komplizierter, viel mehr Leute reden mit. Je mehr Leute mitreden, desto mehr Zeit brauchst du, desto mehr Meetings brauchst du, desto mehr Leute haben eine Meinung dazu, das ist nicht immer hilfreich. Also ich denke eine strukturierte Arbeitsweise ist schon wichtig, aber in unserem Job kannst du nur bedingt strukturiert arbeiten. Dann ruft jemand etwas rein und du musst alles andere liegen lassen, denn das muss jetzt sofort passieren. Beispiel: Marteria und Casper beim Secret Gig im Backstage Werk, da habe ich am Tag vorher den Anruf vom Manager bekommen. „Wir sind hier gerade so ein bisschen unterwegs mit den zwei Jungs und uns ist aufgefallen wir bräuchten eigentlich im Süden noch einen Gig in München.“ Ich meinte nur „Klar, sag doch mal wann, dann checke ich das mal.“ „Ja, morgen!“ Dann brauchst du gute Kollegen*innen, die den anderen Kram, den du gerade machst, übernehmen, weil du dann mal eben komplett raus bist und dich darum kümmern musst. Da hilft Struktur dann oft nicht weiter, da muss man einfach spontan sein. 

Was war ein schöner Moment in der letzten Zeit?

Vor knapp über einem Jahr bin ich aus der Stadt ins Münchner Umland rausgezogen und habe mir damit für mich einen Ausgleich geschaffen. Ich sitze so oft es geht draußen am Feuer und das sind für mich die superschönen Momente. Ich sitze dann da und denke mir das hätte ich vor 20 Jahren nicht gemacht. Wir hatten Angst aus der Stadt rauszuziehen, 20 Jahre mitten in der Stadt, Altbau, du gehst raus und bist gleich mittendrin, aber das fehlt mir überhaupt nicht. Wenn der Job wieder Vollgas losgeht, sind das Momente die einem ein bisschen Kraft geben. Voll cheesy eigentlich…

Welchen Wandel siehst du in der Branche?

In den letzten 13-14 Monaten, hat sich immer wieder gezeigt, dass ich ein gutes Gefühl dafür hatte, was in der nächsten Zeit so passiert, wie sich Dinge entwickeln und wurde dafür oft kritisiert, ich sollte nicht alles immer so negativ sehen. Ich sehe es nicht negativ, ich versuche mit gesundem, realistischem Denken an die Sache heranzugehen. Ich zähle einfach eins und eins zusammen und da hat mir meine erste Ausbildung zur Krankenschwester geholfen, weil ich wusste, dass solche Dinge im medizinischen Bereich mit Impfstoffen und so weiter, nicht so einfach von heute auf morgen umsetzbar sind. Ich glaube, dass die Branche – vor allem der Örtliche Bereich – die nächsten zwei, drei bis fünf Jahre braucht, bis sich ein gewisser Zyklus wieder eingestellt hat und wieder normalisiert. Sobald es wieder los geht, wollen alle spielen und ich weiß nicht, wie man das personell stemmen soll, wie man das finanziell stemmen soll, weil man ja gar nicht davon ausgehen kann, dass die Shows so gut laufen, wie man das gewohnt ist. Ich mache zurzeit täglich Kalkulationen und Deals mit Booker*innen, die auf Basis der letzten Shows vor der Pandemie planen wollen. Ich sehe ja was wir an Tickets verkaufen, es sind winzige Ausnahmen dabei, die so gehypted werden, dass vor allem Kids ein Ticket sichern wollen. Alles andere liegt brach, da verkaufst du, wenn du Glück hast, mal 30-40 Tickets und dann bricht es sofort wieder ein. Solange sich da nichts tut, dauert es meiner Meinung nach noch, bis sich das vollständig erholt. Und ich denke auch, dass es sich nicht vollständig erholt und wir einen bleibenden Schaden davontragen werden. Dann muss man schauen, in welchen Bereichen man sich anpassen muss und sich da mehr engagieren. Wir müssen einfach unsere Branche neu denken und neue Formate schaffen, das wird ein Kampf den Booker*innen und Künstler*innen zu erklären, dass es nicht mehr so ist wie vor zwei Jahren. Man muss versuchen aus Konkurrent*innen Verbündete zu machen und Konzepte entwickeln, in denen so viele Menschen wie möglich irgendwie einen Job finden. 

Ich denke schon, dass eine Art Aussortierung passieren wird, das ist auch wichtig. Vielleicht sieht man jetzt auch erst in der Krise die ein oder andere wirkliche Meinung von jemandem, mit dem man vielleicht schon seit Jahren zusammenarbeitet. Das ist ja im Grunde wie in einer Beziehung, man ist Jahre lang zusammen, alles ist super und plötzlich kommt eine Sache, da ist man sich nicht mehr einig und geht auseinander. Im beruflichen wie im privaten Bereich gehen ja die Meinungen zu der politischen Lage stark auseinander und da muss man teilweise auch diskutieren. Ich sehe da noch lange keine Normalität. Aber Aufgeben ist keine Option.