Tourmanagerin & Promoterin
Wie können sich Frauen in der Branche mehr unterstützen?
Bei mir war es tatsächlich so, dass ich von Anfang an hauptsächlich zu Frauen Kontakt hatte in der Branche, die eigentlich auch dafür gesorgt haben, dass ich das machen kann, was ich jetzt mache
…dass Frauen sich gegenseitig wahrnehmen und auch connecten. Ich hatte zum Beispiel eine Kollegin, die mitbekommen hat, dass ich gern Tourmanagement machen wollen würde und hat mich dann direkt an eine andere Tourmanagerin weitergeleitet. Dass Frauen sich einfach zusammentun, eben auch durch solche Seiten wie we are a lot – dass man einfach Plattformen hat, wo man sich gegenseitig sieht und austauscht. Und natürlich auch einfach nett zueinander zu sein ist ein ganz wichtiger Punkt, sich respektvoll untereinander behandeln – es wird ja oft gesagt, Frauen wären irgendwie „stutenbissig“ und gönnen sich nichts. Ich glaube, das stimmt nicht – bzw. muss das vielleicht auch einfach wieder verlernt werden. Nicht Konkurrenzdenken, sondern einfach sich wertschätzen, was die andere kann – ich glaube das ist so das wichtigste.
Was war ein schöner Moment zuletzt?
Tatsächlich war ein super schöner Moment auf unserem Konzert in Münster – da war ein kleines Mädchen, das mich am Merchstand gesehen hat und ganz begeistert davon war, dass ich auch wie sie kurze Haare habe. Traurigerweise hatte sie kurze Haare, weil sie eine Chemotherapie durchmachen musste. Und sie war ein ganz ganz großer Provinz-Fan, und ich konnte sie dann während des Konzerts noch ein wenig beobachten, wie sie mit ihrem Papa zur Musik getanzt und zu jedem Song mitgesungen hat. Das hat einfach so doll mein Herz erwärmt – dafür machen wir das halt einfach auch, für die Fans! Am Ende hat sie natürlich auch noch ein Foto mit der Band bekommen – vermutlich war das einer der besten Tage in ihrem Leben. Das war einfach richtig schön mit anzusehen.
Welche Maßnahmen würden dir aktuell in der Pandemie helfen?
Ich weiß nicht, ob man das als Maßnahme greifen kann, aber dass irgendwann mal festgelegt wird, wie es weitergehen soll. Dass eine Ansage gemacht wird, wann Indoor-Konzerte wieder stattfinden können zum Beispiel. Und auch bessere finanzielle Unterstützungen für Solo-Selbstständige, Künstler*innen, alle die gerade unter dieser Pandemie leiden.
Ich bin zum Glück nicht so super doll betroffen davon wie viele andere, und ich bin auch noch neu in der Branche, deswegen ist es für mich noch schwierig zu greifen, was wirklich gebraucht wird.
Was läuft gut?
Also für mich lief der Sommer super gut. Es war das erste Mal, dass wir als Truppe unterwegs waren und man hat nach den 26 Shows richtig gemerkt, wie man so zusammenwächst und wie man immer harmonischer miteinander wird, wie Arbeitsabläufe einfacher von der Hand gehen, und auch wie gut wir uns alle verstehen.
Wie nimmst du den Fokus von dir (als Frau) hin zu dir (als Person) in der Branche?
Ich versuche das eigentlich gar nicht so zu thematisieren, dass ich eine Frau bin und deswegen aufgrund meines Geschlechts eine andere Funktion, Position oder Wahrnehmung hab. Aber es wird einer leider auch so ein bisschen von außen aufgedrückt. Es steht immer irgendwie im Raum, unausgesprochen oder wird eben thematisiert. Das merkt man ja schon allein daran, dass die Branche überwiegend männlich dominiert ist und man schon eher die Ausnahme ist als Frau. Ich glaube, es lässt sich nicht vermeiden, dass es thematisiert wird und an manchen Stellen ist das ja auch wichtig! Aber im besten Fall sollte es natürlich irgendwann keine Rolle mehr spielen, jede Person sollte unabhängig ihres Geschlechts behandelt werden – aufgrund ihrer Qualifikationen, Fähigkeiten, Charaktereigenschaften – und nicht aufgrund des Geschlechts.
Über welches unbequeme Thema (außer Sexismus) müsste mehr gesprochen werden?
Mental Health! Finde ich gerade in unserer Branche ein sehr wichtiges Thema, über das generell noch viel zu wenig gesprochen wird. Oder es wird dann eher als etwas Unangenehmes empfunden. Ich denke gerade in unserem Berufsfeld gibt es viele Menschen, die damit zu kämpfen haben – zum Beispiel auch durch viel extremere Belastungen als in anderen Berufen. Da muss man einfach mehr drüber sprechen.
Genauso wie immer wieder über Rassismus gesprochen werden muss, beziehungsweise Förderung von antirassistischem Verhalten in der Branche. Das ist für mich als weiße Person ein Thema, womit ich mich weiter auseinandersetzen und dazulernen muss.
Wie bist du in den Bereich gekommen? Wie war dein beruflicher Werdegang?
Angefangen hat eigentlich alles 2019 mit einem Praktikum bei Warner Music in der Promo-Abteilung. In dem Zeitraum durfte ich die TV-Aufzeichnung bei „Ina’s Nacht“ begleiten, wo Provinz aufgetreten sind. Da hab ich die Band zum ersten Mal kennen gelernt und am Anfang war es mehr ein Running Gag, dass ich ja irgendwann mal das Tourmanagement übernehmen könnte. Da war ich aber auch noch im Studium und es war irgendwie unwahrscheinlich, dass das wirklich passiert. Ich hab dann erstmal mein Studium abgeschlossen und danach bei Warner eine Elternzeitvertretung übernommen – und dann kam auf einmal der Anruf der Booking Agentur, dass die Band mich gern als Tourmanagerin mitnehmen würden. Ich dachte erstmal, dass das ein Scherz ist – aber dann ging alles auch irgendwie mega schnell. Ich bin dann für ein paar Shows „zum Ausprobieren“ mitgefahren und wurde direkt ins kalte Wasser geschmissen – ich hatte ja keinerlei Vorerfahrung und musste das dann “learning by doing” irgendwie drauf kriegen. Und scheinbar hab ich mich ganz gut angestellt! Ab Oktober mache ich das Ganze dann auch selbstständig und dann gucken wir mal, was sich noch alles so ergibt.
DAS ENDE DER FAHNENSTANGE: Was würdest du gern für dich persönlich noch erreichen?
Ich fänd es auf jeden Fall toll, wenn ich mal die Chance bekommen würde, im Ausland zu touren. Oder so richtig große Produktionen mal mit zu erleben. Privat gesehen würde ich gern später mal einen Bus besitzen, mit dem ich rumreisen kann und ich hätte super gern irgendwann einen Hund. <3
Wie gehst du damit um, wenn du in Schubladen gesteckt wirst?
Es ist tatsächlich unterschiedlich: Manchmal lasse ich es über mich ergehen, wenn ich zu müde bin oder mich gerade nicht danach fühle, mich zu „verteidigen“. Dann lasse ich es erstmal so stehen, ärgere mich dann aber im Nachhinein meist, dass ich nicht so reagiert habe, wie ich gern reagiert hätte.
Aber normalerweise versuche ich das direkt in der Situation anzusprechen und nachzufragen „Wie hast du das gemeint?“, um dann auch zu erklären, warum das gerade doof war.
Was bestärkt dich in schwierigen Zeiten?
Andere Frauen auf jeden Fall. Gerade meine Mum ist eine wichtige Stütze in Zeiten, wo es mir nicht so gut geht. Freund*innen natürlich auch, Menschen generell die mir nah stehen. Ich bin ja nun auch neu in dem Bereich und natürlich gab es immer wieder Momente, in denen ich gezweifelt habe, ob das alles so richtig ist, „Bekomm‘ ich das alles hin?“, „Wie geht’s jetzt weiter?“ Da hab ich von meinem engsten Umfeld viel Zuspruch bekommen.
Und sonst halt auch viel Inspiration aus dem Internet, zum Beispiel auf feministischen Seiten, wo man über andere Frauen liest, was die schon alles geschafft haben. Das bestärkt mich, auch wenn es vielleicht sehr weit weg ist von mir. Wenn man Aktivistinnen sieht, wie die ihr Ding durchziehen, das ist einfach schön und bestärkt mich als Frau und Person, egal ob es was mit mir oder meinem Berufsfeld zutun hat oder eben nicht. Zu sehen, was andere Frauen alles hinkriegen.
Was würdest du gern an andere Frauen in der Branche weitergeben?
Nett zueinander sein, sich supporten. Weil ich das selbst auch total erfahren hab und mich das mega bestärkt hat!
Und dass man gut so ist, wie man ist, dass man sich nicht verstellen muss für andere.
Dass man sich nicht immer alles zu Herzen nimmt.
Nicht aufhören, das zu machen worauf man Bock hat, auch wenn da ab und zu Steine in den Weg gelegt werden. Leidenschaft ist wichtig!
Was müsste deiner Meinung nach passieren, um die Sichtbarkeit zu erhöhen?
Ich finde, da passiert zum Glück schon einiges, zum Beispiel durch solche Plattformen. Man kann das natürlich immer noch erweitern, zum Beispiel auf Veranstaltungen oder Festivals – da Räume schaffen für weiblich gelesene und/oder queere Personen, in denen man zusammenkommen und sich austauschen und vernetzen kann. Ich glaube, dass so Veranstaltungen wie zum Beispiel das Reeperbahn Festival total helfen können, weil da ja eh die ganze Branche rumläuft.
Genauso eben auch für Künstlerinnen – dass endlich dafür gesorgt wird, dass Line Ups gleichberechtigt sind; dass da mindestens genauso viele Frauen oder queere Personen sind wie männlich gelesene Künstler.
Welche Frauen in der Branche bewunderst du & warum?
Das klingt jetzt vielleicht doof, aber erstmal alle! Bisher waren alle Frauen, denen ich so begegnen durfte, erstmal toll; ich find es super was die so machen, und versuch mir hier und da ein bisschen was abzugucken. Tatsächlich habe ich da gar nicht „die eine Person“; ich find’s einfach immer cool, neue Frauen in der Branche kennen zu lernen, zu gucken wo sie so herkommen und was sie so zu erzählen haben. Da kann man überall was mitnehmen, finde ich.
Was ist dein wichtigstes Tool im Arbeitsalltag?
Tape 😀
Würdest du dich wieder für diese Laufbahn entscheiden und wenn ja, warum?
Ich bekomm immer wieder die Frage(n) „Bist du dir sicher, dass du das machen willst?“, „Wo siehst du dich damit in fünf Jahren?“, „Ist das wirtschaftlich tragbar?“, bla bla bla. Das hat mich dann schon verunsichert -aber jeden Abend, wenn man das Ergebnis seiner Arbeit sieht, wenn die Band auf der Bühne steht – spätestens dann weiß ich wieder „Yes, ich bin hier genau richtig! Das ist die richtige Entscheidung.“ Es ist auch ok mal zu zweifeln, aber wenn am Ende das Herz dafür schlägt, weiß man, dass man das richtige tut.Und daher würde ich mich auf jeden Fall immer wieder dafür entscheiden!