Tontechnikerin & Tourmanagerin
Würdest du dich wieder für diese Laufbahn entscheiden und wenn ja, warum?
Ja! Weil’s einfach geil ist. Ich studiere halt noch nebenbei, aber wenn ich mich dann am Ende entscheiden kann, mache ich safe das hier weiter. Mein Job als Tontechnikerin macht locker 80-90% meines Lebens aus, mit allem Drum und Dran. Das liegt natürlich auch klar daran, dass ich selbstständig bin und man dann halt keinen klassischen Feierabend hat. Dadurch ist es natürlich auch immer irgendwie Teil des Alltags. Man ist viel unterwegs, man sieht viel, das gefällt mir sehr gut. Die Diversität – jeder Tag ist anders. Man hat immer neue Leute, die man kennenlernt, mit denen man dann arbeiten darf oder halt muss. Das ist dann auch die Herausforderung, die ich cool finde.
Was läuft gut?
Dass es – so im Rückblick der letzten 10 Jahre, die ich den Job jetzt schon mache – immer mehr Frauen in der Branche werden und ich find’s toll! Weil es auch immer normaler wird, auf ein Festival zu kommen und dann ist die Person am FOH eine Frau.
Wie bist du in den Bereich gekommen? Wie war dein beruflicher Werdegang?
Tatsächlich Zufall. Ich habe in einer Band gespielt und der Gitarrist wollte unbedingt die SAE (School of Audio Engineering) anschauen gehen. Am Ende ist er dann doch nicht gegangen, ich aber schon. Und wie das dann immer so ist, man lernt Leute kennen, macht was zusammen, und das ist jetzt dabei rausgekommen.
Was hast dich deine Arbeit in der Veranstaltungsbranche gelehrt, was du auch auf andere Lebensbereiche anwendest?
Dass man nicht von sich selber ausgehen darf als „Messlatte“ bei anderen Menschen. Zum einen natürlich vom Wissensstand her, weil ich ja auch viel mit Stage Hands arbeite und die die unterschiedlichsten Wissensstände haben. Manche machen das seit Jahren und wissen sofort, was ich meine. Und manche stecken zum ersten Mal ein Kabel an in ihrem Leben. Da muss man dann halt irgendwie einen Weg finden, die Brücke zu schaffen. Menschlich natürlich auch – wenn etwas für mich anstrengend ist oder eben nicht anstrengend, kann ich nicht automatisch davon ausgehen, dass es dem Mitmenschen genauso geht.
Welche Frauen in der Branche bewunderst du & warum?
Dich! (lacht und zeigt auf Interviewerin Agnes) Weil du eine tolle Art hast zu kommunizieren und es trotzdem irgendwie schaffst, dass Menschen von Dingen zu überzeugen, auch wenn sie da am Anfang eigentlich gar keinen Bock drauf haben. Aber halt so, dass es nicht unangenehm ist. Aber an sich sind alle Frauen aus der Branche, die ich kenne, bewundernswert. Weil man sich ja doch auch durchkämpfen muss. Man hat ja diese Vorurteile, die uns gegenüberstehen. Und sie schaffen es halt irgendwie, damit umzugehen, und das finde ich cool. Muss man auch erstmal hinbekommen.
DAS ENDE DER FAHNENSTANGE: Was würdest du gern für dich persönlich noch erreichen?
Alles! Haha, naja für jetzt gerade wäre ja einfach „auf Tour gehen“ schon mal wieder ganz geil. An sich bin ich aber super interessiert an tontechnischen Sachen und würde meinen Wissensstand da gern noch um einiges erweitern. Das ist einfach super interessant, wie verschiedene Menschen Sound mischen, und mir da dann das Beste raus zu ziehen beim auf die Finger gucken. Dazulernen in jeglicher Form, ich bin da auch offen für alles. Ich hab tatsächlich keine wirklichen langfristiger Ziele – ich hab einfach gelernt, dass es eh nie so kommt wie geplant, es passiert immer etwas anderes.
Was bestärkt dich in schwierigen Zeiten?
Die Menschen, die ich kenne und bisher kennenlernen durfte. Erstaunlicherweise habe ich seit der Pandemie wieder Kontakt mit Leuten, mit denen ich das lange nicht hatte. Und auch viele Freundschaften, die trotzdem halten, auch wenn man sich nicht sieht. Menschen sind einfach das, was es für mich ausmacht. Zusammen Spaß zu haben. Aber auch, dass man über alles miteinander reden kann.
Was würdest du gern besser noch können? Was machst du schon besser?
Mit Menschen umzugehen mache ich definitiv schon besser. Und auch kompetenzbezogen bin ich besser, als ich manchmal das Gefühl habe. Da gibt’s dann zum Glück immer Situationen, in denen ich dann denke „Ich mach das ganz gut eigentlich“. Also die eigene Leistung zu sehen, das läuft schon besser.
Was war ein schöner Moment zuletzt?
Die zwei Streaming-Konzerte, die ich dieses Jahr mit Umme Block gemacht hab wahrscheinlich. Endlich wieder auf der Autobahn, Kilometer gemacht, schlechte Playlists gehört. Das war schon toll, auch wenn ich Streaming an sich etwas gespalten gegenüber stehe – an sich ist es natürlich ein wichtiges Ventil. Auf der anderen Seite befürchte ich, dass man sich da ein bisschen „das Publikum kaputt macht”. Wenn die Leute sich dran gewöhnen, dass es das halt online gibt – auch wenn es nicht kostenlos zur Verfügung steht, ist es ja immer noch günstiger als eine Konzertkarte. Keine Ahnung, wie lang das alles hier noch dauert, und dann ist halt die Frage, inwieweit sich dann auch die Einstellung der Leute irgendwann ändert. Generell ein spannendes Thema, wie sich in Zukunft die Nachfrage der Menschen nach Livemusik ändert oder ob es wieder wird wie vorher.
Welche Maßnahmen würden dir aktuell in der Pandemie helfen?
Impfen und Venues wieder aufmachen! Einfach dass es bald mal wieder los geht. Ich mein, Streaming ist ja gut und schön, und natürlich auch eine finanzielle Hilfe. Aber dass mal wieder ein richtiges Konzert stattfindet, fehlt uns glaube ich allen.
Über welches unbequeme Thema (außer Sexismus) müsste mehr gesprochen werden?
Menschen bzw. Bedürfnisse außerhalb der Norm. Diversität in jeglicher Form – ob das jetzt Rassismus, Sexismus, Diskriminierung ist. Aber ich meine zum Beispiel auch so Sachen wie, dass Männer sich die Fingernägel lackieren. Zum Glück bricht das ja jetzt so langsam auf, aber ich glaub da ist auch immer noch sehr viel Widerstand da in den Köpfen von Leuten, die halt so konservativ eingefahren sind. Oder halt sexuelle Neigungen, dass das so ein krasses Tabu ist, dass man darüber spricht. Das ist doch wie überall anders auch: Wenn man öfter über so etwas sprechen würde, wäre es auch normaler. In der Veranstaltungsbranche hab ich das Gefühl, dass es da schon relativ frei ist – gefühlt sind da alle sehr liberal. Aber wenn ich dann in meine Heimat fahre, das ist eine ganz andere Welt.
Wie könnten sich Frauen in der Brache mehr unterstützen?
Durch’s connecten, Jobs weitergeben. Wenn man eine andere Frau kennt, die in dem Bereich arbeitet. Aber ich merke auch selbst, dass das aktuell noch super schwierig ist, weil man selbst meist gar nicht so viele kennt. Ich kenn zum Beispiel nur eine weitere Tontechnikerin.
Wer oder was hat dir auf deinem Weg geholfen?
Ähm – Freundschaften, die sich unter Kolleg*innen entwickelt haben, Menschen von denen ich viel lernen konnte. Ob das jetzt zwischenmenschlich ist oder fachlich. Einfach Menschen die bereit waren, mir etwas bei zu bringen. Ohne irgendeinen Rivalitätsgedanken, ohne dass Ton & Licht so gegeneinander „schießen“. Oder örtliche Techniker*innen und Bandtechniker*innen. Solche Gedanken führen nämlich nie zum bestmöglichen Ergebnis, sie sind immer nur für das eigene Ego.
Was würdest du gern an andere Frauen in der Branche weitergeben?
Gut gemacht, macht weiter! Lasst euch nicht unterkriegen!
Was ich gelernt habe und was mir geholfen hat: Nicht so gegen Vorurteile ankämpfen, lieber damit spielen. Ich bin zum Beispiel kein besonders schlagfertiger Mensch, und wenn ich irgendwo in eine Venue komme und da steht ein (pauschalisiert) alter weißer Mann am Mischpult und vermittelt mir das Gefühl, ich wüsste nicht was ich da tue – dann mache ich halt einfach meinen Job und dann sieht er eigentlich recht schnell, dass ich ja doch Ahnung hab. Am Anfang hab ich das ehrlich gesagt auch gar nicht gecheckt, weil es so „normal“ war. Seit es mir bewusst ist und dann natürlich auffällt, versuche ich damit halt irgendwie umzugehen.
Was ist dein wichtigstes Tool im Arbeitsalltag?
Meine Ohren. Zum einen natürlich für meinen Job, um den Sound zu mischen. Und zum andern, um Menschen zuzuhören. Weil wenn man das tut, kann man oft sehr schnell erschließen, was sie genau wollen, was für eine Haltung sie dir gegenüber haben und dann auch viel besser drauf reagieren.
Wie nimmst du den Fokus von dir (als Frau) hin zu dir (als Person) in der Branche?
Ähm, ich mach halt einfach meinen Job. Und danach kann die andere Person gern für sich entscheiden, ob es wichtig ist, dass ich eine Frau bin oder nicht.
Wie gehst du damit um, wenn du in Schubladen gesteckt wirst?
Ich werde generell eher selten in Schubladen gesteckt, aber eher deswegen, weil die Menschen glaube ich Probleme haben, mich einzuordnen. Tätowiert, weirde Ohrringe, ich mein: look at me! Ich würd mal sagen, sie finden die Schublade einfach nicht (lacht).
Gibt es etwas, was du unbedingt noch sagen möchtest?
Ich hab das Gefühl, dass der Grund, warum wir auch so wenige Frauen in der Branche haben, darin liegt, dass viele junge Frauen gar nicht wissen, zu was sie alles fähig sind. Und ich glaube da ist es wichtig, zu informieren und junge Frauen da abzuholen. Wenn sie zum Beispiel noch nicht so wissen, was sie „machen wollen mit ihrem Leben“ und Konzerte super interessant für sie sind – dass man sie dann mal mitnimmt und zeigt „Hej guck mal, so sieht das aus, das mach ich den ganzen Tag so, das kannst du auch können!“