Pia Leonhardt

Projekt- & Booking-Managerin

Hallo, Pia. Schön, dass du da bist. Wie bist du denn in den Bereich gekommen und was war dein beruflicher Werdegang?

Ich habe nach dem Abi überlegt, was ich gerne machen würde. Musik und Kunst waren meine beiden großen Leidenschaften. Dann bin ich durch ein Praktikum in Düsseldorf bei einem kleinen Festival gelandet, dem Approximation Festival. Dort habe ich in der Produktion gearbeitet, aber eigentlich fiel da alles zusammen, also auch Marketing. Ab dem Zeitpunkt als der Deal mit den Künstler*innen stand, haben wir zu zweit alles weitere organisiert, damit das Festival stattfinden kann. Da habe ich richtig Blut geleckt und gemerkt, hinter den Kulissen arbeiten, Orga-Arbeit, das liegt mir voll. Ich hab mega Spaß daran, am Ende vor Ort dabei zu sein und zu wissen, wofür man die ganze Arbeit getan hat. Das hat mich sehr motiviert. Danach habe ich noch ein Praktikum in Berlin gemacht bei Karaoke Kalk, wobei mir aber relativ schnell klar wurde, dass ich mich eher im Veranstaltungsbereich sehe. Daraufhin habe ich in Köln Event – und Medienmanagement studiert und musste ein Pflichtpraktikum machen, wodurch ich 2017 beim c/o pop Festival gelandet bin. Neben dem Studium habe ich jedes Jahr beim c/o pop und Approximation Festival mitgearbeitet. Seitdem habe ich verschiedenste Projekte umgesetzt.

Und was waren das für Projekte, die du sonst noch mitgenommen hast?

Vor allem Anfragen für Künstler*innen Betreuung oder Produktionsjobs bei Veranstaltungen. Letztes Jahr habe ich zum Beispiel beim Stadt ohne Meer Festival vor Ort gearbeitet und war für Artist Care zuständig. Bei der c/o pop gab es auch immer wieder unterschiedlichste Aufgaben. Wenn kurzfristig noch mal jemand gesucht wurde, bin ich eingesprungen. Seit 2019 buche ich das Rahmenprogramm bei der c/o pop, also das nicht musikalische Programm. Als wir dann, corona bedingt, zwei digitale Ausgaben geplant haben, überlegte ich mir Inhalte für unsere Online Formate. Insgesamt habe ich verschiedene Bereiche der Festival-Produktion kennengelernt.

Was ist denn dein wichtigstes Tool im Arbeitsalltag? Also ich glaube, da gibt es ja ganz verschiedene Sachen, weil du hast auf einer Seite die Büroarbeit und auf der anderen Seite hast du die Promotionsarbeit. 

Also momentan merke ich, dass es vor allem eine Einstellungssache ist. Ich würde sagen gesunder Optimismus und Pragmatismus. Sich nicht unterkriegen lassen, positiv bleiben und lösungsorientiert denken. Man muss ständig mit so viel Neuerungen und Änderungen umgehen – es macht nur Spaß, wenn du Gefallen an Flexibilität findest.

Das finde ich sehr gut. Was war denn dein Konzert, das dich berührt oder inspiriert hat? Und warum?

Letztes Jahr war das Gilberto Gil beim “Week-End Fest”. Das war das erste Konzert nach dieser Pandemie. Ohne Einschränkung, also ohne Masken, mit voller Kapazität. Er ist in Brasilien ein Megastar, füllt Hallen mit Tausenden und Hunderttausenden von Leuten. Mit so vielen Leuten diesen Raum zu teilen war was super Besonderes. Vor allem auch weil die portugiesische & brasilianische Community stark vertreten war an dem Abend und alle die Lieder auswendig konnten. Ich hatte einen richtigen Kloß im Hals. Das war so ein Moment, in dem ich dachte: “Okay, das macht alles wieder Sinn. Ich weiß, warum ich immer diesen ganzen Stress mitmache.” Das sind für mich immer die schönsten Momente.

Es gibt ja auch Menschen, die funktionieren irgendwie nicht so mit Musik. Aber mir gibt das emotional, einfach so viel. Musik erdet mich. Wenn ich ein richtig gutes Konzert sehe, dann denke ich über nichts anderes mehr nach. Dann ist man einfach nur in dem Moment.

Mit welcher Künstlerin? Lebendig oder tot würdest du gerne mal einen Tag verbringen? Also Künstler oder Künstlerin kann ja beides sein.

Oh ja, FKA Twigs. Ich feier ihr neues Album einfach total und habe ständig einen Ohrwurm. Es ist ja ziemlich poppig, was nicht unbedingt immer mein Musikgeschmack ist. Aber gerade finde ich alles was sie macht richtig inspirierend und habe einfach mal Lust mit ihr auf Tour zu sein. Ich liebe ihre Ästhetik und finde sie einfach super sympathisch.

Was war denn dein schönster Moment zuletzt? Woran denkst du gerne zurück, was gerade passiert ist in letzter Zeit?

Als wir beim “c/o pop Festival” entschieden haben, dass wir den Ball (The Crystal Ball), der eigentlich schon für 2020 geplant war, endlich umsetzen. Und das zudem auch die aktuellen Corona Maßnahmen so aussehen, dass alles Ende April stattfinden kann. Das hat bei mir eine neue Euphorie und Motivation ausgelöst, die ganze Festival Arbeit anzugehen. Man weiß jetzt endlich: “Okay, es sieht gut aus, das kann alles klappen!”. Und vorher hat es natürlich auch schon Spaß gemacht, aber man war schon eher vorsichtig zurückhaltend, da jederzeit wieder eine neue Welle dazwischen kommen könnte. 

Der Ball ist mein persönliches Lieblingsprojekt und ich bin super dankbar, dass ich die Chance habe, diesen zusammen mit Crystal Saint Laurent umzusetzen. Wir gehen nächste Woche damit raus. The Crystal Ball wird der erste Major Ball in Köln, und es kommt sogar extra eine Judge (Jurorin) aus Amerika eingeflogen. Ich will jetzt nicht die ganze Ballroom Geschichte erklären, das würde den Rahmen sprengen. Ganz vereinfacht kann man sich einen Ball als Contest vorstellen, an dem verschiedene Houses (Häuser) in diversen Runway Kategorien gegeneinander antreten. Wir hosten den Ball in Kooperation mit dem House of Saint Laurent Europe, welches das europäische Pendant zu dem ursprünglichen in den 60/70ern in Amerika gegründeten amerikanischen House of Saint Laurent ist. Ich finde es super wichtig, dass wir uns entschieden haben, dass wir mit der Community diesen Raum öffnen. Das ist natürlich auch eine Herausforderung und Chance zugleich, weil auch Leute Zutritt haben werden, die sonst nicht Teil dieser Community sind, da Balls Orte von und für die afro und lateinamerikanische LGBTQIA+ Community sind. 

Wie gehst du damit um, wenn du in Schubladen gesteckt wirst?

Das begegnet mir leider ständig. Ich bin relativ jung und irgendwie gefühlt gar nicht mehr so neu im Business, aber habe trotzdem oft das Gefühl, dass ich mich immer beweisen muss. Wenn ich im Büro mit einem festen Team arbeite, dann ist es einfacher, denn da habe ich ein Backup von Kolleg*innen. Ich weiß wie mein Standing ist und das ich sagen kann, wenn ich mich nicht richtig behandelt fühle. Aber während einer Produktion, ist das manchmal leider noch etwas anderes. Wenn es in manchen Situationen dann nur noch auf Minuten ankommt und dir jemand einen Spruch drückt, fehlt mir manchmal einfach die Schlagfertigkeit. Vor allem wenn in dem Moment einfach alles funktionieren muss. Das Schubladendenken von den meisten Leuten ist aber etwas, was mich richtig nervt. Immer wieder wird man mit Rollenbildern konfrontiert. Das kann manchmal schon echt anstrengend sein. 

Sprichst du das dann offen an? Wie machst du das?

Es kommt natürlich immer darauf an mit wem man gerade zusammenarbeitet. In manchen Situationen meide ich die Konfrontation auch mal, weil es oft nichts bringt, wenn ich mich damit auseinandersetze. In Produktion Kontexten gibt es leider oft nicht die Zeit für derartige Diskussionen. Ich frage mich oft woher diese ganzen Lückenfüller-Schubladen-Sprüche kommen, die man so mitbekommt. Langeweile, Geltungsbedürfnis oder Unsicherheit? Es ist so nervig. Aber ich hoffe, dass sich durch solche Gespräche wie heute etwas ändert. Es wäre schön, wenn gesamtgesellschaftlich ein neues Bild entsteht. 

Was würdest du denn gerne an andere Frauen in der Branche weitergeben? Genau in dem Kontext.

Ich finde es sehr wichtig, dass man sich connected. Das was ihr beispielsweise gerade mit diesem Interview macht. Sich gegenseitig einen Raum geben und nicht das Gefühl vermitteln, dass man in Konkurrenz zueinander steht. Auch mal Mut haben Schwäche zu zeigen, denn es ist schon ein tougher Beruf und man muss immer alles unter Kontrolle haben und Stärke ausstrahlen. Ich finde es aber auch total wichtig mal zu sagen: “Hier sind meine Grenzen und ich kann nicht mehr.”, oder “Das mache ich nicht mit!”. Das hat dann nichts mit Schwäche zu tun, sondern einfach mit einem gesunden Selbstverständnis und Selbstbewusstsein. Außerdem muss man nicht allen etwas beweisen, sondern eher mal zu der Funktion und Position stehen, für die man eingestellt wurde. Die eigenen Kompetenzen wahrnehmen und wertschätzen.

Welcher Künstler, Künstlerin oder Band begleitet dich in deiner Laufbahn?

Ah ja, also jetzt aktuell ist es die Band “she-dog” aus Köln, deren Managerin ich bin. Wir planen gerade das Release der ersten EP. Die letzten zwei Jahre, unter Corona Bedingungen, haben wir super viel gemeinsam erlebt und gelernt. Die drei begleiteten mich am meisten. 

Was hat dich deine Arbeit in der Veranstaltung als Branche gelehrt, was du auch auf andere Lebensbereiche anwendest?

Gelassenheit. Die Dinge einfach manchmal nicht so ernst nehmen und sich nicht unterkriegen lassen. Und auch wie wichtig Menschenkenntnis und vielleicht auch psychologisches Verständnis und Empathie ist. Bei jeder Produktion sind neue Leute dabei und manchmal musst du nur für einen Tag als Team funktionieren. Das ist teilweise hilfreicher als so manches Fachwissen. Es ist wichtig die Menschen um dich herum einschätzen zu können und ein Gespür dafür zu haben, wenn Situationen kippen, um darauf angemessen reagieren zu können. 

Ich würde jetzt schon zur letzten Frage mal kommen. Gibt es etwas, was du unbedingt noch sagen möchtest?

Erst mal probieren und danach aufgeben oder umorientieren. Ich finde, man sollte nichts unversucht lassen, sich trauen und nicht zurückschrecken, wenn man denkt, man kann irgendwas nicht, weil eigentlich kann man alles irgendwie schaffen.