Anna Harbord

Produktions- & Tourleiterin

Wie war dein Beruflicher Werdegang?

Ich habe Biologie studiert und war damit aber nur teilweise zufrieden und wusste dann nicht so richtig, was ich machen soll. Irgendwann saß ich an der Theke meiner Stammkneipe und habe der Besitzerin mein Leid geklagt. Und hab gesagt „Ach vielleicht mach ich Veranstaltungskauffrau, ich weiß nicht so richtig“. Wie der Zufall es wollte, hatten der Manager von Kettcar die gleiche Stammkneipe wie ich und dann meinte die Kneipenbesitzerin, dass ich den noch einfach mal anhauen solle. Dann habe ich ihn kontaktiert und glaube ich auch ein bisschen genervt, bis er meinte „Dann komm halt vorbei und dann schauen wir mal.“.  Und dann habe da ich ein Praktikum gemacht, ich wusste nach circa einer Woche, dass es genau das war, was ich machen wollte.

Die Kollegen waren direkt viel mit Kettcar unterwegs, daher war ich relativ schnell auf mich allein gestellt. Meine erste Vorproduktion war für die Kilians, mir wurden Tourbücher und Ablaufpläne von anderen Touren gezeigt und ich sollte mir dann mal alles zusammensuchen. Und dann waren sie auch weg, mit Kettcar und der Transsibirischen Eisenbahn unterwegs, irgendwie sowas, auch nicht für mich erreichbar. Dann habe ich das halt irgendwie gemacht und das hat mir super viel Spaß gemacht. Und ein Jahr später, als die Kilians ein Tourmanagement brauchten, habe ich das dann einfach auch gemacht. Ich war quasi deren erste Tourmanagerin und die waren meine erste richtige Band. So haben wir dann voneinander gelernt, was geht und was nicht geht. 

Was ist dein wichtigstes Tool im Arbeitsalltag?

Mein Rechner, der ist immer mit dabei, ich sage immer „Das ist mein Leben.“ Immer Backups, immer auch tatsächlich noch Geld zurückgelegt, damit ich mir im Zweifel sofort einen neuen Rechner kaufen kann, ohne dass ich Geld zusammensuchen, oder mir was leihen muss.

Wie gehst du damit um vor allem als Frau in der Branche eine Schublade gesteckt zu werden?

Ich glaube, glücklicherweise ist mir das noch nie so richtig passiert. Da es doch, im Gegensatz zu anderen Bereichen – also Lichttechnikerinnen, Tontechnikerinnen, Riggerinnen – sehr viel mehr Tourmanagerinnen gibt, zumindest seit einigen Jahren. Als ich angefangen habe, habe ich ein paar Mal gehört „Ich finde Frauen (als TM) besser, die sind irgendwie besonnener und wenn es Probleme gibt, wird es schöner geregelt.“ Aber das ist für mich kein Schubladendenken, sondern eher ein Pro-Argument „Warum gibt es nicht mehr Tourmanagerinnen?“

Ich finde es aber auch schwierig mein eigenes Auftreten zu bewerten. Ich bin natürlich sehr selbstsicher in dem was ich tue, weil ich es schon sehr lange tue. Für mich ist das was wir machen ein Miteinander und kein Gegeneinander. Mir ist sowohl bei Frauen als auch bei Männern schon aufgefallen, dass TMs reinkommen und so von wegen „Was ich sage, muss jetzt gemacht werden!“, aber das ist ja totaler Quatsch. Ich sage halt immer „Moin, ich bin Anna und ich freue mich darauf, dass wir heute einen Tag zusammen verbringen und wenn es irgendwelche Probleme gibt, kriegen wir die sicher gelöst.“  

Welche Frauen in der Branche bewunderst du und warum?

Barbara Wagner, die Tourmanagerin von Tocotronic. Bei ihr läuft einfach alles, sie ist auch so wahnsinnig entspannt, sie ist nett und bestimmt. 

Zuletzt habe ich auch wieder mit Leonie Würfel zusammen den c/o pop Stream gemacht; sie macht aber auch die Produktion für die 1Live Krone und die macht das auch super. Sie ist mit allen Gewerken gut, das fängt bei den Sicherheitsmenschen an und geht über Catering und Toilettenreinigung und sie ist mit allen immer super und aber auch straight. Ja, coole Frau, mit der arbeite ich gerne zusammen.

Was war dein schönster Moment zuletzt?

Ich habe tatsächlich relativ viele Streaming Festivals gemacht. Das fing letztes Jahr an beim Moers Festival. Ich glaube der schönste Moment ist immer, wenn eine Veranstaltung vorbei ist und alles hat gut funktioniert und alle sind glücklich. Es fällt die Last von einem ab und man ist total müde und erschöpft, weil man ein paar Tage durchgekloppt hat. Dann sitzt man zusammen bei einem Feierabendbierchen und dann hat man immer ein bisschen Pipi in den Augen. 

Ich mache ja ein paar Festivals, die ich jedes Jahr habe, Reeperbahn Festival, Eurosonic, Berlinale… Das ist dann immer die gleiche Crew und das ist so toll. Man weiß dann „Okay, jetzt haben wir zwei Wochen oder fünf hammerharte Tage vor uns und vielleicht zicken wir uns mal kurz an, aber wir wissen, wir lieben uns.“  Das sind glaube ich immer die schönsten Momente, am Ende.

Gibt’s auch ein paar Sachen, die du den Frauen da draußen gerne mitgeben würdest auf ihren Weg?

 Man sollte sich immer treu bleiben und man sollte auf gar keinen Fall sich irgendwie verstellen, weil man denkt, das Musikbusiness muss so oder so sein. Ich habe da tatsächlich auch öfter mal an mir gezweifelt, weil ich finde, da passiert ganz viel „hintenrum“. Ruhm versaut leider oft den Charakter, das müssen gar nicht die Künstler*innen sein, das kann auch das Management dahinter sein oder die Booking Agentur oder die Plattenfirma. Da ist so eine gewisse Attitüde, die ich absolut nicht leiden kann und echt ekelhaft finde. Ich habe ein paar Mal an mir gezweifelt und mich gefragt, ob ich hier überhaupt richtig bin, weil ich zu vielleicht nett bin. Ich glaube einfach daran, dass man, wenn man freundlich und fair miteinander umgeht, eigentlich weiterkommen sollte, als wenn man unfair miteinander umgeht. Wenn man neu in diesem Business ist, kann das ein bisschen verschrecken. Man sollte auf gar keinen Fall anfangen, auch ekelhaft und fies zu werden, sondern einfach seiner Linie treu bleiben und es so machen, wie man es für richtig hält.

Was hat dich deine Arbeit in der Veranstaltungsbranche gelehrt, was du auf einen anderen Lebensbereich auch anwenden kannst?

Flexibilität, Stressresistenz. Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Wenn etwas schief geht, nicht in Panik verfallen, erstmal kurz drüber nachdenken, es findet sich nämlich auf jeden Fall eine Lösung. Mir ist es noch nie passiert, dass keine Lösung gefunden wurde.

Siehst du einen Wandel in der Branche?

Es findet auf jeden Fall ein Wandel auf der Bühne statt, die Diversität wird größer. Da gibt es ja auch einige Projekte, die sich das zum Ziel gemacht haben. Hinter der Bühne ist es noch ein bisschen weniger, aber ich bin mir sicher was auf der Bühne passiert, wird auch hinter der Bühne passieren. Nach wie vor ist es ja aber leider auch so, während im Hintergrund viele Frauen arbeiten – in den hohen Positionen dann immer noch Männer sitzen, da sehe ich tatsächlich keine Veränderung. 

Ich glaube das hat ganz viel letztendlich doch mit Selbstbewusstsein zutun und sich selber zutrauen sowas zu machen, weil es da eben so wenig Frauen in Vorbildfunktionen gibt. Ich meine, wenn man Jobs vergibt, versuche ich natürlich immer geschlechtlich eine Gleichberechtigung herzustellen, aber es ist ja offensichtlich so, dass Männer gerne ihren „Buddies“ Jobs verschaffen. Wenn da keine Frauen sind, die ihren „Buddies“ Jobs zuschieben, dann ist es irgendwie schwierig.

Welche Maßnahmen würden dir aktuell in der Pandemie helfen?

Für mich ist gerade alles ok, weil ich letztes Jahr gut verdient habe und dieses Jahr auch ganz gut dastehe. Aber für viele meiner Kolleg*innen würde es helfen, akzeptiert oder gesehen zu werden. Da wird einfach ein riesiger Teil der arbeitenden Bevölkerung komplett übersehen. Selbstständige haben es ja eh immer ein bisschen schwieriger, so richtig wird da noch nicht gecheckt, was da eigentlich geleistet wird. Die Veranstaltungsbranche ist in der Lage, wahnsinnig komplexe Konzepte umzusetzen – und wird in sämtlichen Strategien für die Pandemie- und Impfbewältigung einfach nicht berücksichtigt. Dabei sind wir ja eigentlich diejenigen, die aus dem Stand kreativ neue Pläne umsetzen können. Man könnte zum Beispiel mal Leute wie uns fragen, „Wie geht das denn? Wie organisiere ich denn zum Beispiel einen sicheren Personen-Ab- und Zulauf?“ Die ganzen Bürgertests in Köln werden zu 80% von Leuten organisiert, die sonst in der Veranstaltungsbranche arbeiten, weil die sich einfach direkt ein funktionierendes Konzept ausgedacht haben, welches sie schnell umsetzen können.

Würdest du dich wieder für diese Laufbahn entscheiden, wenn ja warum?

JA! Warum? IS GEIL 😊

Was würdest du noch besser können?

Ich würde gerne besser sagen können: „Klar kann ich das!“ und selbstbewusster sein. Ich bin da schon besser geworden aber manchmal, gerade wenn so neue Sachen kommen… Projektleitung bei einem Filmfestival zum Beispiel. Die Begrifflichkeiten sind anders, aber eigentlich ist alles sehr ähnlich, da würde ich gerne generell entschlossener sein.