Ton- & Lichttechnikerin
Wie bist du denn in den Bereich gekommen, was machst du genau und wie war dein beruflicher Werdegang?
Ich habe meinen Realschulabschluss gemacht und war mir relativ unsicher, was ich machen möchte. Ich wusste, ich will etwas mit Musik machen, weil ich selbst auch Musik mache. Ich bin zuerst im Luxor in Köln gelandet, dort habe ich ein Praktikum im Bereich Veranstaltungskauffrau gemacht. Das war relativ langweilig, nichts für mich. Es kristallisierte sich dann schnell heraus, dass ich eher an der Technik interessiert war. Ich war immer bei den Jungs unten und hab geschaut, was die so machen – und dann bin ich irgendwann mit meiner Bewerbungsmappe durch Köln gelaufen und war bei allen Konzerthäusern, die es hier gibt und hab gesagt „Hallo, ich will eine Ausbildung machen!“. So kam ich zum Underground, dort habe ich ein Praktikum gemacht und nach ein paar Monaten konnte ich die Ausbildung zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik anfangen. Während der Ausbildung habe ich eigentlich Tontechnik gelernt, weil das im Underground am besten beizubringen war. Es gab nicht viel Licht, es gab kein Rigging, daher wurde es dann Tontechnik.
Und dann bin ich auf einmal eine meiner ersten Touren gefahren – das war damals mit Tom Beck, er meinte „Hey, du kannst gut im Takt das Licht drücken, du hast ein Gefühl dafür, willst du mitkommen?“ Und ich hatte eigentlich überhaupt keine Ahnung von nichts. Ich hatte nur ein analoges Lichtpult und dann war ich auf einmal in einem Nightliner für zwei Wochen und durfte mitreisen. Ich kam in jeder Halle an und meinte ich habe keine Ahnung, aber ich mach heute das Licht, das war auch ganz interessant. Die örtlichen Techniker haben mir dann gezeigt, wie das jeweilige örtliche Pult funktioniert. Das heißt, ich habe schon auf der ersten Tour einfach unwahrscheinlich viele verschiedene Pulte gesehen und auch direkt daran gelernt.
Was müsste deiner Meinung nach passieren, um die Sichtbarkeit von Frauen in der Branche zu erhöhen?
Das ist eine gute Frage, ich glaube an erster Stelle müssen mehr Frauen die Ausbildung machen, ich habe sie gemacht und war in einer Stufe von 90 Leuten mit nur drei Frauen. Ich glaube, ich kenne in Deutschland 2-3 Frauen, die Licht- oder Tontechnik machen.
Mein damaliger Chef im Underground hat mich sehr unterstützt, er war immer sehr begeistert von mir und hat mir den Rücken freigehalten. Es gab ganz oft Manager oder Techniker, die mich nicht ernst genommen haben und da hat er immer gegengehalten und mir gesagt, ich soll mich davon nicht unterkriegen lassen.
Manchmal hat man das Gefühl, man kommt zu einem Job und muss erstmal erzählen, was man schon alles gemacht hat, damit einen die Leute überhaupt ernst nehmen. Die Künstler*innen und Musiker*innen, mit denen ich unterwegs war, standen immer zu hundert Prozent hinter mir. Die haben mich immer gepusht und gesagt mach die Klappe auf. Ich habe öfter schon darüber nachgedacht aufzuhören, aber dafür macht es einfach zu viel Spaß. Ich mag diesen Lifestyle, immer mit vielen Menschen unterwegs zu sein, immer woanders, immer neue Herausforderungen. Irgendwann war es mir dann auch einfach egal.
Über welche unangenehmen Themen außer Sexismus müsste in dem Job und auch generell mehr gesprochen werden?
Was mir jetzt einfällt – was ich auch in meinem Job mitbekomme – ist Rassismus. Dass das noch ein Thema ist, finde ich völlig unverständlich. Ich war mal mit einer Band unterwegs, fünf Jungs aus Indien und wir wurden von der Polizei kontrolliert – der Polizist machte die Bustür auf und sah mich zwischen den Jungs sitzen und fragte als erstes, ob es mir gut geht.
Wie gehst du damit um, wenn du in Schubladen gesteckt wirst?
Anfänglich wurde ich aggressiv, jetzt ignoriere ich es einfach und mache meinen Job und manchmal sage ich dann tatsächlich „Denk noch mal drüber nach.“. Es kommt ja nicht nur ausschließlich von Männern, leider auch gelegentlich von Frauen aus der Branche. Ich war auf einmal Festival, da war eine Frau, die Pässe an uns verteilt hat und sie hat an jeden Musiker und alle Techniker Pässe verteilt, aber nicht an mich, weil sie dachte ich bin nur die Freundin von irgendwem. Da dachte ich mir auch, wir Mädels müssen doch eigentlich zusammenhalten, oder warum fragt man nicht einfach?
Was würdest du gerne besser können?
Tatsächlich würde ich gerne besser Licht (vor-)programmieren können. Ich habe viele Pulte ein bisschen gelernt, aber ich habe noch keins, bei dem ich richtig safe bin; ich programmiere mir halt meine Show immer aus dem Stand zusammen. Manchmal habe ich das Gefühl, ich mache nichts sehr gut, aber alles so dass alle glücklich sind. Das klingt glaube ich total komisch, aber ja – das würde ich gerne noch besser können.
Wie könnten sich Frauen in der Branche mehr unterstützen?
Man könnte sich gegenseitig empfehlen. Die ganze Branche läuft über Vitamin B, aber tatsächlich kenne ich auch nicht viele Frauen, also wäre es cool, wenn es einen Pool geben würde, in dem man sich kennenlernt und vielleicht auch mal Treffen organisiert und sich einfach mal untereinander connected.
Immer wenn ich gefragt werden, ob ich jemanden kenne, um zu übernehmen, schlage ich irgendwelche Typen vor. Natürlich wäre es cool, wenn ich sagen könnte, hey klar, die und die und die.
Was würdest du gerne für dich persönlich noch erreichen?
Das ist eine gute Frage. Das was lang mein Traum war, habe ich schon gemacht. Ich wollte immer mal die Centerstage bei Rock am Ring „drücken“ und das habe tatsächlich mal gemacht. Oder mal ans andere Ende der Welt, in Australien habe ich auch schon mal Licht gemacht. Es war zwar hell, man hat nicht viel gesehen, aber trotzdem habe ich das Licht gemacht. Das waren so meine Träume. Mit meinen Lieblingsbands habe ich auch schon gearbeitet, das war geil, da hätte ich am liebsten durchgehend geheult. Es ist noch mal eine ganz andere Nummer, wenn du die Songs komplett auswendig kannst und genau weißt, was du dazu fühlst.
Nach Amerika würde ich schon gerne noch mal, also so eine kleine Tour durch Amerika, nach Nashville oder so. Das könnte ich mir noch vorstellen, aber ich wüsste nicht, wie das mit Kind umzusetzen ist. Ein Traum, ist mir gerade total entfallen. Mein Mann, ein paar Freunde und ich haben ein Konzept geschrieben für einen Studiokomplex, den wir unbedingt bauen wollen. Ich hoffe wir finde Investoren*innen, die an uns glauben. Wir haben da eher an einen Platz in der Natur gedacht und ein riesiges Grundstück, abseits von Allem.
Würdest du dich wieder für diese Laufbahn entscheiden und wenn ja warum?
Die ersten Jahre waren wirklich holprig, sich so jung selbstständig zu machen. Es sind super viele Kosten, du musst dich krankenversichern und diese und jene Versicherung. Ich hatte am Anfang überhaupt keine Ahnung, da hat auch erstmal niemand geholfen und mir gesagt, du kannst auch einen Gründungszuschuss beantragen, das hätte mir total geholfen. Am Anfang der Selbstständigkeit hast du nicht viele Jobs aber trotzdem deine laufenden Kosten. Ich musste auch immer Nebenjobs machen und hab dann hier und da in der Bar gearbeitet. Hätte ich vorher gewusst wie lange das braucht um anzulaufen, weiß ich nicht, ob ich es nochmal so machen würde.
Welche Maßnahmen würden dir aktuell in der Pandemie helfen?
Ich kann jetzt nicht für mich sprechen, da ich gerade in Elternzeit bin, aber am Beispiel meines Mannes: Die Soforthilfen passen einfach nicht oder werden nicht ausgezahlt. Wir hatten das Glück, die erste Soforthilfe noch beantragen zu können, die nächsten dann schon nicht mehr. Zurzeit gibt es ja diese „Neustarthilfe“, aber da mein Mann einen anderen Job angenommen hat, damit wir nicht von Hartz IV leben müssen, bekommt er sie nicht mehr, obwohl er noch soloselbstständig ist. Es haben sich über die letzten Monate ohne Arbeit einige Schulden angehäuft, da wäre die „Neustarthilfe“ gut gewesen, um die Verluste wieder ein wenig auszugleichen. Da muss viel gemacht werden – so wie es gerade läuft, geht es nicht. Man kann nicht einfach einem kompletten Berufszweig sagen „Haltet die Füße still.“, aber nicht helfen. Ich will gar nicht wissen wie viele Existenzen darunter gelitten haben.
Was bestärkt dich in schwierigen Zeiten?
Tatsächlich im Moment meine kleine Tochter. Ich habe in letzter Zeit oft darüber nachgedacht, was passiert wäre, wenn ich mein Kind nicht in der Zeit bekommen hätte. Wenn sie nicht gewesen wäre, wäre ich wahrscheinlich komplett untergegangen.
Ich war bestimmt 200 Tage im Jahr unterwegs, andauernd weg, immer unter Menschen und dann von jetzt auf gleich einfach zuhause zu bleiben ist krass.
Der Austausch mit Menschen über Zoom stärkt – Instagram tatsächlich auch im Moment. Ich habe ein paar Freund*innen in Australien und da können sie fast alles machen. Es gibt wieder Festivals und Konzerte. Wenn ich das sehe, denke ich „Die Normalität kommt vielleicht bald zurück.“ Diese Hoffnung, dass es irgendwann weitergehen könnte.