Ciara George-Lynch

Senior Managerin Music Program

Wie können sich Frauen in der Brache mehr unterstützen?

Ich glaube, der Schlüssel ist zunächst Austausch, in welcher Form auch immer. Sich auszutauschen über Erfahrungen, über Situationen in denen frau sich aus irgendwelchen Gründen auch unwohl gefühlt hat – um auch Schwellenängste abzubauen. Offen miteinander zu sprechen und sich dadurch vielleicht auch aus diesem Rahmen rauszubewegen, wo frau denkt, sie müsse immer besonders professionell wirken und darf sich nicht austauschen über Situationen, in denen frau sich nicht so souverän gefühlt hat. Sagen zu können, es gibt auch einfach Sachen, die schwerer fallen und das ist total ok. Das bezieht sich auch nicht nur auf Frauen, sondern auf alle Menschen. Ich glaube, dieses „Berufsgesicht“ mal fallen zu lassen, gerade in einer Branche wo es viel darum geht, souverän zu scheinen. Was ja auch total Sinn macht, aber gleichzeitig habe ich einfach das Gefühl, dass da der menschliche Austausch zu kurz kommt. 

Und darüber hinaus natürlich solche Netzwerkarbeit, wie ihr sie macht, die ganz toll ist! Das Fotoshooting zum Beispiel, welches ja Teil des Portraits ist, war für mich mit einer großen Überwindung verbunden – und es war so schön zu merken, weil der Raum den ihr da geschaffen habt, ein derartiges Wohlbefinden ausgelöst hat, dass es überhaupt gar nicht zu so einer Situation gekommen ist, wie ich sie mir vorgestellt habe. Tendenziell gibt es glaube ich viele Menschen, die sich mit sowas unwohl fühlen – gerade in unserer Branche, in der wir ja eher hinter den Bühnen stattfinden und das oft auch bewusst so gewählt haben. Und dann ist es eben ganz essentiell, einen Raum zu schaffen, wo man sich halt genau solchen Ängsten stellen kann – und genau das macht ihr.

Was ist dein wichtigstes Tool im Arbeitsalltag?

To Do Listen! Ob digital wie Trello oder Asana oder im Alltag handgeschrieben.
Ohne To Do Listen wär ich schon lange untergegangen (lacht)

Wie bist du in den Bereich gekommen? Wie war dein beruflicher Werdegang?

Auslöser war, das weiß ich noch ganz genau, ein Konzert der tollen Band Get Well Soon. Da war ich so 14 und bin zufällig mit der damaligen Auszubildenden des Clubs ins Gespräch gekommen. Das war für mich super erhellend, weil ich damals gar nicht wusste, dass es diesen Ausbildungsberuf gibt. Es war natürlich auch einfach toll zu sehen, dass da eine junge Frau steht – keine Ahnung, was gewesen wäre, wenn es ein Mann gewesen wäre. Sie war ein paar Jahre älter als ich und hat mir halt ganz viel aus ihrem Arbeitsalltag erzählt – und ab da war für mich klar: Ich möchte diese Ausbildung machen. Ich bin zu dem Zeitpunkt aber noch zu Schule gegangen und musste da dann durch, auch wenn ich das eigentlich gar nicht mehr machen wollte. Ich wollte arbeiten, Erfahrungen sammeln. Und dann habe ich durch Zufall von so einem praktischen Jahr erfahren und mich dazu ein bisschen informiert und so das FSJ Kultur gefunden. Da kann man dann schon nach der 12. Klasse abgehen und hat in Verbindung dann trotzdem ein Fach-Abitur am Ende. Und das war eine wahnsinnig tolle Erfahrung, auch weil es eine super Möglichkeit war, mir das erstmal anzugucken und sicher zu gehen, ob ich das wirklich so möchte; ob es auch wirklich das ist, was ich mir vorgestellt habe. Dieses FSJ Kultur hab ich dann auch schon im KFZ Marburg gemacht, wo ich dann im Anschluss auch in die Ausbildung gegangen bin. Ich hatte zwischenzeitlich auch überlegt, schon nach Hamburg zu gehen und bei einer Bookingagentur anzufangen – und da ist mir dann auch erst bewusst geworden, dass es innerhalb des Berufs Veranstaltungskauffrau wahnsinnig viele Zweige gibt, und innerhalb der Musikbranche dann auch nochmal. Es ist einfach ein riesen Unterschied, mache ich meine Ausbildung in einer großen Konzertagentur oder mache ich sie in einem Live Club. Und für mich war damals darum praktisch zu arbeiten. Jeden Tag steht da eine andere Band auf der Matte, und alles was damit zusammen hängt – Flyer & Programmhefte verteilen, Plakate kleben, Booking, Buchhaltung, Pressearbeit, Durchführung der Shows – das konnte ich da alles machen.

Ja, und nach der Ausbildung bin ich dann endlich nach Hamburg und hatte ein Praktikum in der Bookingabteilung des Reeperbahn Festivals in Aussicht. Um bis dahin über die Runden zu kommen hab ich dann in einem Fischladen gearbeitet, obwohl ich echt gar keine Ahnung von Fisch hatte. Zum Glück hat es dann mit dem Praktikum geklappt – also hat mich das Reeperbahn Festival quasi aus dem Fischladen geholt (lacht). Jo, und dann wurde ich nach dem Praktikum übernommen und bin seitdem da 🙂

Was war ein Konzert, das dich berührt oder inspiriert hat – und warum?

Also das wirklich nachhaltig beeindruckenste und nachklingenste Konzert war das fantastische Duo CocoRosie  aus den USA im Mousonturm in Frankfurt, das muss so 20111 gewesen sein. Eine unglaublich aufwändige, fast performative Produktion und ganz ganz berührend. Ich war mit meinem Stiefpapa da und dass wir danach ein Bier trinken gegangen sind – und ich dann nur meinte, ob wir nicht erstmal eine halbe Stunde nicht reden wollen, weil ich das erstmal sacken lassen musste und ihm ging es genau so.

Und sowas kann Kunst halt auch schaffen, und Musik eben im speziellen.

Mit welche*r Künstler*in – lebendig oder tot – würdest du gern mal einen Tag verbringen?

Wen ich ganz beeindruckend finde und ich mir vorstellen könnte, dass es ein ganz toller Tag wäre, ist Patty Smith. Ich glaub, sie hat viele tolle Geschichten zu erzählen und ist einfach eine super coole Lady.

Und jetzt muss ich aber auch noch zwei Künstler nennen, weil das einfach meine absoluten Lieblingsmusiker sind: Falco und David Bowie, am liebsten beide zusammen! (lacht)

Wie gehst du damit um, wenn du in Schubladen gesteckt wirst?

Wenn das passiert (und es passiert leider viel zu oft nach wie vor), dann ist frau hoffentlich in der Lage, das nicht zu persönlich zu nehmen – oder auch persönlich zu nehmen, zurecht. Je nachdem, wie unangemessen die Schublade ist. Ich selber würde versuchen, in so einer Situation entgegen zu wirken und entweder das Gegenteil zu beweisen von dem, was einer da so angedichtet wird, oder vielleicht bestenfalls gar nicht in die Verlegenheit zu geraten, etwas beweisen zu müssen. Einfach weiter zu machen. Aber das ist auch tagesformabhängig. Sowas kostet auch Kraft und muss man auch nicht immer von sich selbst erwarten. Und je nachdem, wie vermessen das ist, was einer da entgegengebracht wird, kann frau das dann auch ansprechen. Wieder aber hier mit dem Hinweis, dass frau das auch nicht immer leisten kann. Im Zweifel ist frau in der Situation eh schon angespannt, weil sie halt gerade auch ihrem Job machen muss und eh schon genug zutun hat. Und da sollte frau dann auch, wie so oft im Leben, nachsichtig mit sich selbst sein, wenn frau da gerade nicht mit umgehen kann.

Welche*r Künstler*in/Band begleitet dich in deiner Laufbahn?

Ja, eigentlich wieder zurück zu einer der ersten Fragen: Get Well Soon. Die haben mich quasi zu diesem Job gebracht und wir haben sie schönerweise auch beim Reeperbahn Festival gezeigt, ich glaub das war 2018, da haben sie ihre Werkuraufführung in der St. Michaelis-Kirche gespielt. Und das war fantastisch. So schließt sich irgendwie schön der Kreis.

Über welches unbequeme Thema müsste mehr gesprochen werden?

Bezogen auf meinen Job und das Kuratieren eines Musikfestivals finde ich es immer noch krass, wie wenig divers gebucht wird. Unabhängig von Initiativen wie zum Beispiel Keychange, ist es immer noch enorm wie wenig divers die Musiklandschaft ist. Es ist ja auch so, dass es immer noch wenig „berühmte“ Acts aus dem Indie- und Pop-Bereich, die eben nicht weiß-gelesen und cis-männlich sind. Und sich da dann drauf zu beziehen und zu sagen, es gäbe ja keine anderen Acts und deswegen können wir niemand anderen buchen – das finde ich halt ein sehr sehr schwaches Argument. Da müsste man viel mehr drüber sprechen und dafür sorgen, dass da nicht nur weiße, männliche Indie-Rockbands überhaupt berühmt werden können. Dass da die Strukturen auch einfach verändert werden müssen. 

Wie ist das (prozentuale) Verhältnis Männer zu Frauen in deiner Arbeitsumgebung & siehst du eine Veränderung/Verbesserung?

Wenn es um mein direktes Arbeitsumfeld geht, da haben wir ein mehr als gutes Frauen-/Männer-Verhältnis. Ich arbeite schönerweise mit vielen, auch jungen Frauen zusammen. Aber auch mit Männern, schönerweise (lacht). Da empfinde ich das als sehr ausgeglichen, beziehungsweise tendenziell sogar mehr Frauen. Und das gefällt mir sehr gut.

Aber, um den Bogen zurück zu meiner Ausbildung zu spannen, wenn damals Bands im Club ankamen und dann überrascht waren, dass da eine junge Frau steht und die Durchführung macht, das Einlassmanagement macht, die Absprache mit den Techniker*innen, Abrechnung, Künstler*innen-Betreuung. Das fanden die meisten schon toll.

Ansonsten ist aber natürlich auch bekannt und echt problematisch, dass in unserer Branche viel zu wenige Frauen arbeiten – vor allem in den Positionen, die viele Frauen gar nicht erst erreichen können, weil sie eben ewig in dieser „Assistenz-Rolle“ verbleiben. Und alle höheren Posten meist von „alten, weißen Männern“ bekleidet werden. Das ist ein Problem.

Was hat dich deine Arbeit in der Veranstaltungsbranche gelehrt, was du auch auf andere Lebensbereiche anwendest?

Organisiert sein. Top organisiert sein! (lacht)

Wer oder was hat dir auf deinem Weg geholfen?

Meine damalige Ausbilderin im KFZ, Sabine Welter. Eine ganz tolle Frau, die mir ganz ganz viel mit auf den Weg gegeben hat – fachlich aber auch menschlich. Auch ein sehr großes Vorbild für mich!

Was würdest du gern an andere Frauen in der Branche weitergeben?

Mutig sein, sich was zu trauen. Sich mit anderen Frauen zu vernetzen, um auch diesen Mut aufbringen zu können. 

Würdest du dich wieder für diese Laufbahn entscheiden und wenn ja, warum?

Ganz klares und riesengroßes Ja. Weil ich glaube, dass ich nichts anderes so gut kann (lacht). Und mir auch nichts anderes so viel Freude bereiten würde.