Anh Dao Thi

Feel Good Managerin

Über welches unangenehme Thema (außer Sexismus) müsste mehr gesprochen werden?

Außer Sexismus ist bei mir natürlich Rassismus auch sehr relevant, das ist leider einfach Alltag. Grundsätzlich, jegliche Form von Ausschließen und Diskriminierung. Das ist bei mir das Hauptthema. 

Was war ein Konzert, das dich berührt oder inspiriert hat, und warum?

Beirut. Es war glaube ich soundtechnisch nicht das geilste Konzert, aber weil ich sie schon immer mal sehen live wollte. Ich fand Akkordeon-Musik als Kind immer supergruselig, aber bei dieser Band finde ich das richtig toll. Das war live beim Berlin Festival auf dem Tempelhofer Feld. Der Sound war schrecklich, denn die Bühnen standen viel zu nah aneinander. Trotzdem stand ich in der zweiten Reihe und habe geweint und gelacht zugleich, weil ich es so großartig fand.

Das Ende der Fahnenstange – Was würdest du gerne für dich persönlich noch erreichen?

Das ist für mich schwierig zu sagen, weil ich noch so sehr am Anfang stehe. Ich möchte noch so viel mehr praktische Erfahrung sammeln, egal in welcher Hinsicht. Ob das nun Produktion im Uebel & Gefährlich ist oder unterwegs zu sein. Ich weiß aber auch, dass ich das nicht bis ans Ende meiner Tage machen kann. Uns wurden zwei wertvolle Jahre durch Corona geraubt, daher versuche ich in der kommenden Zeit so schnell wie möglich, so viel wie möglich zu lernen. Das ist momentan mein Ende der Fahnenstange.

Was würdest du gerne an andere Frauen in der Branche weitergeben?

Auf der einen Seite, sich nicht kleiner zu machen als man ist oder Frau ist. Gleichzeitig aber auch trotzdem auszunutzen, dass wir nun mal das weibliche Geschlecht sind und unseren männlichen Konkurrenten gegenüber, in gewissen Punkten, einiges voraushaben. Wir dürfen uns nicht dafür schämen, dass wir Frauen sind und dürfen das auch ruhig nach Außen tragen. Wir dürfen auch soft sein und lieb und nett. Wir müssen nicht immer taff sein, ich lache halt einfach gerne. Ich will mich nicht für einen Job so verstellen müssen, um voranzukommen. 

Was müsste deiner Meinung nach passieren, um die Sichtbarkeit zu erhöhen?

Ich würde zumindest ein bisschen von meinen Freund*innen und Kolleg*innen erwarten, dass sich sie gegenseitig aufmerksam machen, aufeinander. Wenn ich mit einer*m Künstler*in gearbeitet habe und einen guten Job gemacht habe, wünsche ich mir, dass diese Person das dann auch weiterträgt. 

Unabhängig davon, ob ich eine Frau bin oder nicht. Unabhängig davon, ob es nun ein körperlich anstrengender Job sein mag oder nicht. Ich möchte, dass Menschen mich in Betracht ziehen, unabhängig davon, dass ich eine Frau bin. So würde ich versuchen die Sichtbarkeit von meinen Kolleginnen zu erhöhen. 

Wie bist du in den Bereich gekommen? Wie war dein Beruflicher Werdegang?

In den Bereich gekommen bin ich durch Zufall. Ich habe eigentlich ein abgeschlossenes Architektur-Studium. Ich bin nach Hamburg gekommen, um meinen Master zu machen. Hab aber nicht direkt eine Zusage bekommen und ein Jahr in einem Architekturbüro gearbeitet. Der Sohn meines Chefs hat damals Projektentwicklung mit Einem der Mitbegründer vom Waagenbau gemacht. Der hat mich dann für einen Nebenjob ins Central Park geholt, den Beach Club an der Max-Brauer-Allee. Da habe ich dann Menschen aus dem Uebel & Gefährlich kennengelernt, die dort am Tresen gearbeitet haben. Ich brauchte eh einen neuen Nebenjob für den Winter, also bin ich einfach mit ins Uebel gegangen. So bin ich da gelandet und habe erst nur neben meinem Studium an der Bar gejobbt. Bis ich gemerkt habe, dass mein Nebenjob zu meinem Hauptjob wurde und das Studium ein bisschen zur Nebensache. Ich habe den Spaß an der Architektur ein bisschen verloren, weil mich die Uni genervt hat. Dann habe ich ein Urlaubssemester eingelegt, um zu schauen, ob diese Eventsache was für mich ist und habe danach meinen Master abgebrochen. Im Uebel durfte und konnte ich dann immer mehr machen, ohne das irgendwann mal ansatzweise gelernt zu haben. Als Barkraft habe ich damals angefangen, wurde irgendwann stellvertretende Barchefin. Von da aus ging der nächste Schritt in die Durchführung von Veranstaltungen und jetzt auch Vorproduktion. Im Sommer habe ich durch den Laden natürlich auch Festivaljobs bekommen. Da arbeiten so viele Menschen, die auf Festivals auch rumwuseln. Also durfte ich ganz viele Artist Care-Jobs machen. Da habe ich gemerkt, dass das voll mein Ding ist und ich Spaß daran habe. 

Was ist dein wichtigstes Tool im Arbeitsalltag?

Ich muss tatsächlich sagen, meine Uhr. Die war gerade kaputt und ich hatte ein halbes Jahr keine Armbanduhr, das hat mich richtig gestresst. Gerade wenn man eine Produktion hat, muss man sonst immer wieder aufs Handy schauen. Da habe ich so doll gemerkt, wie wichtig mir diese Armbanduhr ist. 

Wer oder was hat dir auf deinem Weg geholfen?

Stefanie. Sie ist grundsätzlich für den ganzen Club die Mama, aber auch für mich privat so wichtig. Sie ist einfach super fürsorglich, vergisst dann manchmal auch, sich um sich selbst zu kümmern. Ich kann dann auch etwas davon zurückgeben und mich kümmern. Sie ist einfach ein krasses Vorbild für mich, so eine großartige Frau und ich bewundere, dass sie immer noch dabei ist. Obwohl sie schon viel mitgemacht hat und viel durch die Scheiße gegangen ist und trotzdem diesen Laden und uns zusammenhält. Allein aufgrund ihrer Anwesenheit bestärkt sie uns. Das macht sie für mich aus!

Die Arbeit auf dem Fusion Festival hat mir außerdem viel gegeben, ich habe da angefangen, als sich für mich eine Tür geschlossen hat und die hat sich dann geöffnet. Innerhalb von 3 Monaten habe ich bei dem Festival alles gelernt, was ich bei dem anderen Job hätte innerhalb eines Jahres lernen können. Das war also wie ein Crashkurs, so ein riesiges Festival mit hunderten von Artists vorzuproduzieren und dann kriegt man es hin. Die Menschen dort waren offen und haben mir vertraut, dass ich das hinbekomme. Das war für mich so cool, dass ich die Erfahrung machen durfte und das auch immer noch machen darf. Sofern es im „normalen“ Umfang wieder stattfindet. 

Wie gehst du damit um, wenn du in Schubladen gesteckt wirst?

Naja, das sind bei mir einige Schubladen, die ich erfülle. Ich würde sagen, ich gehe unterschiedlich damit um. Wenn es im Bezug auf meine Herkunft und mein Aussehen ist, bin ich mittlerweile schon ein bisschen entspannter. Mir fehlt einfach die Kraft und Energie bei jedem Mal Konter zu geben. Im Bezug aufs Frau sein, gebe ich immer noch viel mehr Konter. Es kommt auch darauf an in welchem Kontext das passiert, häufig bei mir im Fußballkontext und dann werde ich auch schnell mal laut. Aber das ist für mich auch einfach noch mehr Thema. Ich möchte mich selbst gar nicht darauf beschränken, dass ich anders aussehe oder meine Eltern woanders herkommen. Ich bin eine Frau in dieser Welt, das ist meine Definition. Ich bin auch eine asiatische Frau in dieser Welt, aber das sollte nicht das Thema sein. Das will ich glaube ich damit sagen. 

Was ist deine größte Stärke?

Mein Lachen *lacht* 

Was würdest du gerne besser können und was machst du schon besser?

Nein sagen. Nicht immer, aber häufig würde ich gerne besser Nein sagen können. Das hat mir auch schon viele Wege geebnet und auch viel ermöglicht, aber in manchen Momenten muss ich das für mich selbst besser machen. Mittlerweile achte ich besser auf mich selbst, das mache ich glaube ich schon besser. Ich habe gelernt, dass es nicht egoistisch ist, auf sich selbst zu schauen. Einfach mal zu sagen, mir geht’s heute nicht gut, oder ich kann heute nicht für dich da sein, auch wenn ich das gerne möchte. Ich kann glaube ich wenig Menschen helfen, wenn es mir selbst nicht gut geht.

Wie ist das Prozentuale Anteil von Frauen in deinem Arbeitsumfeld? Siehst du eine Verbesserung?

Ich kann auf jeden Fall die Frage beantworten, dass es sich verändert hat und in meinen Augen auch verbessert. Allein unsere „Büroetage“ hat mittlerweile mehr Frauen als Männer. Prozentual kann ich es nicht einschätzen, aber es ist auf jeden Fall eine Veränderung und in meinen Augen auch eine Verbesserung. Ich sehe es leider noch nicht ganz so in der Produktion. In der Durchführung und Produktion sind es tatsächlich noch mehr Männer als Frauen bei uns. Aber ich verstehe es auch, da haben sicherlich nicht alle Bock drauf. Grundsätzlich das ganze Personal im Laden; ich versuche natürlich immer Frauen ranzuholen, aber es ist schon eher männerdominiert und eher unausgeglichen. Ich glaube die Nachtarbeit ist für viele nicht so geeignet. Wenn ich nicht so ein Nachtmensch wäre, würde mir das auch schwerfallen. Ich weiß nicht, ob man das so verallgemeinern kann, aber vielleicht achten Frauen schon eher auf sich und versuchen solche Jobs zu vermeiden, in denen man Nachts arbeiten muss. Als ich noch in Eimsbüttel gewohnt habe, habe ich nach der Schicht immer ein Taxi genommen von meinem Trinkgeld. Der Weg nachhause spielt sicherlich auch eine große Rolle. Ich hatte einfach keine Lust nach der Schicht, mitten in der Nacht, noch angequatscht zu werden. 

Mit welcher Künstlerin (lebendig oder tot), würdest du gerne mal einen Tag verbringen?

Wenn es zwei sein dürfen, Lizzo und Lauryn Hill. Das sind von früher und von jetzt die Beiden mit denen ich gerne einen Tag verbringen würde.

Gibt es etwas, was du unbedingt noch sagen möchtest?

Keinen Fuß breit den Faschisten!