Produktionerin
Was läuft gut?
Vieles läuft gut, man sieht im Moment, wie kreativ unsere Branche ist. Was sich in den letzten anderthalb pandemischen Jahren an Konzepten entwickelt hat, wie kreativ alle geworden sind und wie alle zusammengehalten haben, ist inspirierend. In der letzten Zeit konnte man noch mal bemerken, in welcher besonderen Szene wir uns befinden. Wenn man an Female Empowerment denkt, fällt mir natürlich direkt dieses Projekt hier ein. Es ist so schön zu sehen, wie viele tolle Frauen in der Branche arbeiten und zusammenhalten. Das finde ich sehr bestärkend.
Über welches unangenehme Thema außer Sexismus müsste mehr gesprochen werden?
Rassismus ist immer noch ein Problem, über welches gesprochen werden muss. Die Musikbranche ist viel zu wenig divers und vielfältig. Zum Glück rückt dieses Thema aber mehr und mehr in den Mittelpunkt und die Menschen beschäftigen sich damit. Zumindest in der Bubble, in der wir uns befinden, wird darüber gesprochen. Ich finde aber auch wichtig, noch mehr über Inklusion zu sprechen. Zugang zu Clubs oder Festivals für Menschen mit Behinderung ist so wichtig. Diese Gruppe wird noch oft vergessen, obwohl es ein so wichtiges Thema ist, Kunst und Kultur für jede*n zugänglich zu machen.
Was bestärkt dich in schwierigen Zeiten?
Meine Freunde, Familie und Musik in jedem Fall. Aber auch Ruhe. Mein letztes halbes Jahr war ziemlich vollgepackt, da habe ich wieder mal gemerkt, wie wichtig es ist, sich ab und zu eine Auszeit zu nehmen. Der letzte Winter war sehr ruhig, das war aber leider keine bestärkende Ruhe, sondern eine wartende Ruhe, die nicht gerade angenehm war. Die Pandemie hat mir aber auch gezeigt, die Ruhe und die Natur zu genießen.
Was müsste deiner Meinung nach passieren, um die Sichtbarkeit zu erhöhen?
Ihr tragt mit dem Projekt schon viel dazu bei, das finde ich super! Genau solche Projekte wie waal ins Leben zu rufen, erhöht die Sichtbarkeit. Aber am meisten Sichtbarkeit generiert man natürlich in seiner eigenen Umgebung. Wichtig ist denke ich auch, dass die Leute aus der Komfortzone herauskommen und weibliche Techniker*innen, Tourmanager*innen usw. gebucht werden und vielleicht nicht die alten Bekannten von früher. Es gibt viele rein männliche Bands, die dann auch eine rein männliche Crew engagieren, warum auch immer. Also am wichtigsten ist es, sich in seinem direkten Umfeld umzuschauen und zu hinterfragen, wie die eigene Travelparty oder das Team aufgestellt ist.
Wer oder was hat dir auf deinem Weg geholfen?
Das sind in jedem Fall viele Personen, denen ich auf meinem Weg begegnet bin. Es gibt viele Personen, die mich unterstützt und bestärkt haben. Für mich ist es wichtig, dass mir auch mal jemand sagt, dass ich gut bin, in dem was ich mache. Bestärkende Worte können so viel in einem auslösen und einen positiv bestärken. Ich glaube jeder Mensch kommt mal an den Punkt, an dem man an dem eigenen Können oder den eigenen Fähigkeiten zweifelt, dann ist es schön, wenn da jemand ist, der einem sagt, dass alles okay ist. Fehler machen ist menschlich, das muss man manchmal auch einfach gesagt bekommen.
Welche Frauen in der Branche bewunderst du und warum?
Ich kann da keine spezielle Person nennen, da ich schon so viele großartige Frauen getroffen habe, die ich auf unterschiedlichste Weise bewundere. Sei es eine Kollegin, die sich vor eine große Gruppe stellt und Klartext redet, wenn etwas schiefläuft. Aber auch einfach Frauen, die ihr Ding machen, an sich glauben und das auch nach außen tragen können und klar ihre Meinung sagen.
Wie bist du in den Bereich gekommen, wie war dein beruflicher Werdegang?
Als ich mein Geografie-Studium abgebrochen habe, bin ich erstmal einfach nach Hause gekommen, also nach Hamburg und bin bei meinem Vater untergekommen. Ich wusste nicht so richtig, was ich machen soll. Durch Zufall habe ich über eine Freundin, die Leute im Molotow kannte, mitbekommen, dass dort ein Praktikumsplatz frei wurde. Dann bin ich da gelandet und hatte sofort das Gefühl, dass das genau die Menschen waren, mit denen ich zusammenarbeiten wollte. Das Umfeld, in dem ich mich wohlfühle. Ich habe in diversen Clubs hinterm Tresen gearbeitet und dann eine Ausbildung bei einem Label und einer Bookingagentur gemacht. Ich bin viel auf Tour gefahren und habe nebenbei einiges gemacht. Beim Reeperbahnfestival habe ich zum Beispiel nebenbei mitgearbeitet und bin dann nach meiner Ausbildung dort gelandet. Obwohl es am Anfang gar nicht mein Ziel war, in der Festivalproduktion zu arbeiten, hat sich das im Laufe der Jahre dazu entwickelt. Und ich bin sehr glücklich, dass das alles so geklappt hat und ich dort bin, wo ich jetzt bin.
Was war ein schöner Moment zuletzt?
Ich habe gestern Abend mit meinen Kolleg*innen, nach einem sehr langen Tag, in einer Kneipe zusammengesessen. Das war sehr schön. Es ist so viel wert sich in seinem Team wohlzufühlen. Mir ist es wichtig, dass man auch im Privaten noch Zeit miteinander verbringen kann und über persönliche Dinge redet.
Wie könnten sich Frauen in der Branche mehr unterstützen?
Sich gegenseitig Mut machen. Sich Mut machen, auch mal aus der Komfortzone herauszutreten und sich neue Bereiche anzuschauen. Ich finde man sollte sich gegenseitig unterstützen und zeigen, dass vieles kein Hexenwerk ist und nicht mit der Attitüde rangehen, „Nein, das kannst du nicht.“ Sondern eher „Probiere es doch mal, das kannst du bestimmt!“
Wie gehst du damit um, wenn du in Schubladen gesteckt wirst?
Ich wünschte, ich würde besser damit umgehen, um ehrlich zu sein. Immer wenn das passiert, und da fallen mir diverse Situationen ein, bin ich erstmal ziemlich perplex und meistens nicht direkt schlagfertig. Auf Tour zum Beispiel, wenn man jeden Tag neue Menschen kennenlernt, das gibt sehr viel Raum dafür, in Schubladen gesteckt zu werden. Leider muss man lernen damit umzugehen und Grenzen zu setzen. Man baut sich Antworten im Kopf zusammen, um auf gewisse Situationen vorbereitet zu sein. Wenn ich mich aber erinnere, wie ich mit Anfang 20 auf Dinge reagiert habe oder was ich mir teilweise anhören musste, frage ich mich, warum ich da nichts gesagt habe. Wenn man von älteren Männern als 20-jährige Frau zu hören bekommt “Ich mache das ja schon so lange, du kannst das noch gar nicht wissen”, fühlt man sich oft erstmal eingeschüchtert und glaubt es am Anfang. Bis man dann irgendwann versteht, dass die eigenen Aussagen und die eigene Position relevant sind. Nur, weil man noch nicht so lange dabei ist, heißt das nicht, dass man etwas schlechter kann. Ich versuche immer unseren jüngeren Mitarbeiter*innen mitzugeben, dass sie nachfragen können, wenn sie etwas nicht wissen. Man muss nicht alles sofort können, aber nichts hält dich davon ab es zu lernen.
Was willst du für dich persönlich noch erreichen?
Ich bin in die Branche gerutscht über Clubs, dann Label und Bookingagentur und über einiges Hin und Her in der Festivalproduktion gelandet. Das hat mir gezeigt, dass das beste Ziel manchmal gar kein Ziel ist, sondern sich entwickelt. Nichtsdestotrotz habe ich ein paar Wünsche. Ich habe vor einem halben Jahr mein damals abgebrochenes Geografie-Studium wieder aufgenommen. Es wäre total schön, die Inhalte aus meinem Studium irgendwie in meinen Job einbringen zu können. So oder so bin ich aber sehr dankbar dafür, mich gerade mit wissenschaftlichen Dingen ganz fernab von der Musikbranche beschäftigen zu können. In einer Zeit, in der jeder eine Meinung hat, finde ich es beruhigend mich mit physikalischen und naturwissenschaftlichen Themen zu beschäftigen.