Rike Just

Tour- & Produktionsmanagerin

Welchen Wandel siehst du in der Branche?

Ich glaube, dass vor allem in den letzten Jahren in der Branche mehr auf die Rolle der Frau eingegangen wird. Dass mehr erkannt wird, dass nicht nur Männer in der Branche arbeiten können, sondern super viele Frauen auch einen sehr wertvollen Beitrag leisten. Ich habe das Gefühl, dass das auch von der „männlichen“ Seite mehr erkannt, wahrgenommen und wertgeschätzt wird und sich dementsprechend auch ein bisschen mehr auf die Bedürfnisse der Frauen eingestellt wird. Und wenn es getrennte Toiletten oder ein paar Tampons auf dem Klo sind. Da hatte ich das Gefühl, dass das die letzten Jahre besser geworden ist. Auch wenn es jetzt sehr klischeebehaftet ist: Die Stärken, die viele Frauen mitbringen, wie z.B  Organisationstalent werden mehr gesehen und wertgeschätzt. 

Welche Maßnahmen würden dir aktuell in der Pandemie helfen?

Bedingungsloses Grundeinkommen. Ich bin großer Fan dieser Idee. Klar ist das erstmal sehr viel Geld, wenn man das jetzt auf jede*n Staatsbürger*in ummünzt, aber ich glaube es würde auch sehr viele Probleme lösen. Auch psychische Krankheiten, die aufgrund von akutem Geldmangel entstehen, weil man nicht weiß, wie man über die Runden kommen soll.Und gerade jetzt, wo viele Menschen nicht wissen, wie’s weitergeht  – weil sie in Sachen staatliche Unterstützung in der Pandemie durch das Raster fallen und von keiner Seite wirklich Hilfe bekommen. Das schlägt wahnsinnig auf die Psyche. Wir wissen nicht wie lang das weitergeht und was da kommt. In fünf Jahren könnten wir durch etwas komplett anderes wieder an der selben Stelle stehen und dann geht das Drama von vorn los. Durch Grundeinkommen könnte man vieles „einfach“ lösen und vor allem viele Sorgen nehmen. Außerdem bin ich überzeugt, dass dadurch auch andere Kostenpunkte, die beim Staat anfallen, wegfallen würden und es sich auf lange Sicht durchaus rechnen würde.

Welche Frauen in der Branche bewunderst du und warum? 

Da gibt’s glücklicherweise ein paar mehr. Ich bin – wie glaub ich jede Person in Hamburg, die sie mal getroffen hat – großer Fan von Fenja aus dem Molotow. Das ist einfach eine tolle Frau, super tough, immer herzlich und kann sich trotzdem durchsetzen. Jede*r respektiert sie, jeder weiß, dass sie mehr oder weniger das Molotow schmeißt und das, obwohl sie noch super jung ist. Dann noch eine gute Freundin von mir: Laura Brauer. Sie ist Bookerin bei einer Hamburger Konzertagentur und bucht die heftigsten Bands. Dabei ist sie einfach super bodenständig und unfassbar liebenswürdig, ich schätze sie sehr. Und auf jeden Fall meine ehemaligen Kolleginnen von Landstreicher. Ich könnte da glaube ich lange und viele auflisten. 

Was läuft gut? 

Für mich läuft gerade sehr gut, dass ich – wenn auch durch unfreiwillig viel Zeit – die Chance hatte diesen Kanal aufzubauen. Sprich die Möglichkeit habe, mit vielen Freundinnen zusammenzuarbeiten und was aus dem Boden zu stampfen, von dem wir alle glauben, dass es sinnvoll ist. Und dabei natürlich auch super viel zu lernen. Ich mache das alles ja auch großteils zum ersten Mal. Da kommen immer wieder neue Challenges – was für mich aufregend ist, aber auch ein bisschen beängstigend. Weil so viele Leute mit drinhängen, will ich natürlich nichts falsch machen. Aber andererseits weiß ich auch, dass ich die krassesten Frauen im Team hab und ich mir eigentlich gar keine Sorgen machen brauche.

Wie bist du in den Bereich gekommen? Wie war dein beruflicher Werdegang? 

Bis vor 6 Jahren habe ich als Optikerin gearbeitet. Privat haben wir aber auch damals schon als Konzertgruppe DIY-Shows in Hamburg  veranstaltet – Flora, Druckerei, Astra Stube etc… Und ich war auch immer schon mit einem befreundeten Künstler auf Tour. Mit einem Twingo sind wir dann zu Zweit wochenlang quer durchs Land gegurkt, ich hab Merchandise und ein bisschen organisatorischen Kram gemacht und Gesellschaft geleistet, und überhaupt die beste Zeit gehabt. Da habe ich dann immer schon meinen kompletten Jahresurlaub für auf den Kopf gehauen, weil das genau das war, was ich machen wollte. Und dann hab ich einfach meinen Optiker*innen-Job gekündigt, ich wollte es wenigstens probiert haben in diesem „Musikbusiness“. Ich war dann erst für ein paar Monate bei einer Promoagentur und bin dann zu Landstreicher nach Köln gegangen, um da meine Ausbildung zu machen. Als ich fertig war, ging es wieder nach Hamburg zurück, wo mich die Leoniden – die ich schon lange kenne – gefragt haben, ob ich ihr Tourmanagement übernehmen möchte. Das hab ich natürlich sehr gerne gemacht. Und mach es auch immer noch sehr gerne. Aktuell arbeite ich zudem auch noch bei einer Baseler/Hamburger Agentur mit PR-, Label-, Booking- und Management-Segmenten. Mein Werdegang war also viel eigene Leidenschaft, ein bisschen Blutlecken auf DIY-Touren und -konzerten – und dann irgendwie ganz gut durchgekommen.

Wie könnten sich Frauen in der Branche mehr unterstützen?

Durch noch besseres Netzwerken. Das ist mir bewusst geworden, als mich eine befreundete Tourmanagerin angerufen und gefragt hat, ob sie mich in eine kleine Übersicht von Tourmanagerinnen mit aufnehmen kann. Wenn sie und ihre Geschäftspartnerin mit Touren ausgelastet sind, haben sie andere Frauen in der Hinterhand, die zusätzlich reinkommende Touren übernehmen können. Sich gegenseitig Jobs zuschieben – natürlich immer noch auf Basis von: „Ich weiß, wie die Person arbeitet und vertraue ihr“, und nicht abhängig vom Geschlecht. Aber trotzdem: Das fand ich mega stark! Sowas muss viel mehr stattfinden, das machen Männer ja auch untereinander. Ist ja auch total legitim – die Frage ist: Warum machen wir es noch nicht? Ich merke das krass, dass viele Fraue von der Gesellschaft so eine Art ‘Stutenbissigkeit’ anerzogen wurde. Wenn wir das aus dem System bekommen, zum Beispiel durch Projekte wie dieses, können wir richtig was verändern.

Wie gehst du damit um, wenn du in Schubladen gesteckt wirst? 

Am Anfang sag ich erstmal nichts. Es gibt so eine gewisse Schmerzgrenze. Vielleicht sollte ich direkt was sagen, meist toleriere ich das aber erstmal für einen Moment. Wenn ich merke, es wird mir zu viel, spreche ich das aber auf jeden Fall an – egal ob es jetzt in der Band, der Produktion, dem Festival etc. ist. Ich will halt vorher überlegen, was ich sage, anstatt impulsiv zu reagieren – das ist meist eine eher schlechte Idee. Es kommt natürlich aber auch immer auf die Situation an: Wenn‘s mal ein flapsiger Joke ist, sag ich wahrscheinlich eher nichts, sonst ist man schnell der Buzzkill (traurig, aber wahr). Wenn es aber chronisch wird, sage ich definitiv was. Ich versuche da halt ein (für mich) gutes Gleichgewicht zu finden, habe zum Glück aber auch eine Band, die da super supportive ist und Veranstalter*innen auch sofort den Wind aus den Segeln nimmt, wenn die der Meinung sind,  z.B. nicht mit mir reden zu müssen, weil ich die einzige Frau in der Travelparty bin. Das canceln sie sofort und dann ist das Thema auch sehr schnell durch. 

Was ist dein wichtigstes Tool im Arbeitsalltag?

Meine Bauchtasche. Ich hab eine relativ Große mit vielen Fächern, da passt super viel rein und ich kann sie trotzdem überall mit hinnehmen. Man muss ja immer auf alles vorbereitet sein als Tourmanagerin 😉

Was würdest du gern für dich persönlich noch erreichen? 

Auch wenn ich die Band nicht mehr viel höre, habe ich noch immer sehr viel Liebe für die Beatsteaks. Das war mit 13 die erste (damals noch) Punkband, die ich gehört habe. Diese Band hat mich unglaublich beeinflusst und ich würde wahnsinnig gerne mal mit ihnen arbeiten. Und wenn es nur eine einzige Show ist. Einmal ein Stagemanagement machen, wo sie spielen oder einmal in einem Club Produktionsleitung machen und die Beatsteaks sind da, das wär’s. Cheesy-nostalgische Antwort, ich weiß 😀 Ansonsten natürlich am liebsten so viel wie geht mit diesem Projekt, mal gucken was noch so kommt!

Gibt es etwas, was du unbedingt noch sagen möchtest?

Ich hoffe das diese Momentidee, aus der dieses Projekt entstanden ist, etwas wird, aus dem Frauen bzw. alle etwas mitnehmen können. Dass es einen Mehrwert schafft für alle, die vielleicht gerne in die Branche einsteigen würden bzw. ein Teil von ihr sind. Wir einfach ein schönes Netzwerk schaffen können und es selbstverständlicher wird, sich gegenseitig unter die Arme greifen. Und bei den männlichen Kollegen das Bewusstsein schaffen, dass es sehr viele tolle, fähige, kompetente Frauen gibt und auch von deren Seite gerne mehr kommen kann. Sich einfach unabhängig des Geschlechts gegenseitig unterstützen, egal worum es geht, das wär was.

Erstellt am: 13.02.2026 | Kategorie(n): Interviews