Bookerin & Tourmanagerin
Welchen Wandel siehst du in der Branche?
Ja, dafür sitzen wir ja gerade hier. Die Bewegung geht ja eher dahin, dass Frauen sich gegenseitig supporten. Das finde ich super! Solidarisch füreinander da zu sein.
Auch durch Corona sind die Leute solidarischer geworden und ich hoffe, das bleibt dann auch so. Es ist nicht mehr dieses „Ellenbogen-Ausfahren“. Ich denke da jetzt aus meiner Booking-Position – es ist ein „Mehr-Miteinander“ geworden, alle benötigen das Geld. Veranstalter*innen, Künstler*innen, Bookingagenturen…, und es ist wichtig, dass alle fair mitverdienen. Ich hoffe, dass dieser Wandel weiterhin so bleibt. Zum Beispiel das Thema Gebietsschutz greift aktuell nicht so wie normalerweise. Es wird auch gesehen, dass viele Bands jetzt über ein Jahr Stillstand hatten und trotz neuen Alben keine Touren spielen konnten. So wird das ein oder andere Mal zum Wohle der Band ein Auge zugedrückt. Da sehe ich schon, dass durch Corona ein solidarischer Wandel stattfindet und hoffe, dass es weiterhin so bleiben wird.
Was bestärkt dich in schwierigen Zeiten?
Erstmal meine Familie, Freund*innen und Selbstreflektion – wenn man zurückblickt und schaut, was man schon erreicht hat. Ich bin jetzt selbst noch nicht so lange in der Musikbranche, weil ich vorher andere Karrieren hatte. Und da zu schauen, was hat man schon erreicht, welche Ziele hat man sich gesteckt und was man dabei alles hinbekommen hat.
Meistens fahre ich weg, einfach raus aus dem Alltag. Gehe dann in mich und mache auch sehr viel Sport. Und schaue mir innerlich das letzte Jahr an und überlege, was ist alles passiert? Das hab‘ ich immer schon gemacht und tat mir stets gut. Früher war ich Tennisprofi, dann Krankenschwester und dann bin ich der Musikbranche gelandet. Und immer wieder gab es solche Momente, z.B. nach meiner Tenniskarriere, als ich von Italien wieder nach Deutschland zog. So habe ich immer wieder Reisen gemacht, um für mich selber zu entscheiden: Wo will ich jetzt hin, was habe ich alles erreicht und was will ich noch erreichen.
Was hat dich deine Arbeit in der Veranstaltungsbranche gelehrt, was du auch auf andere Lebensbereiche anwendest?
Organisation. Also organisiert und strukturiert zu sein, und alles immer im Überblick zu haben. Das merke ich auch in meinem Privatleben. Es ist wirklich immer alles geordnet, da habe ich schon so einen kleinen Tick. Alle meine Klamotten sind nach Farben sortiert und immer alle möglichen Termine im Kalender eingetragen, haha.
Was würdest du gerne an andere Frauen in der Branche weitergeben?
Skills und Wissen. Ich habe mal hier, mal da Freund*innen auf Tour mitgenommen, die gerne als Tourmanager*in zukünftig arbeiten wollen. Habe so eine Art Checkliste fertig gemacht (das Ordnungsding wieder, haha) und geschaut, was mache ich vor dem Konzert, beim Konzert und nach dem Konzert – und so habe ich sie dann „angelernt“ auf Tour.
Beim Booking ist es ein wenig schwieriger, ich kann zwar zeigen, wie man Deals macht und was man beachten soll, was im Vertrag und den Ridern steht. Dennoch hat es viel mit Kontakten und Netzwerken zu tun. Ich finde, dass man Booking auch viel besser versteht, wenn man selbst mal mit auf Tour war und somit auch sehr viele Veranstalter*innen kennengelernt hat.
Was würdest du gerne besser können und was machst du schon besser?
Was ich schon besser mache, ist geduldig zu sein. Das musste ich lernen. Geduld – gerade durch Corona. In den ersten Monaten war ich wie ein Flummi.
Was würde ich gerne besser können? Ich würde gerne besser Sachen abgeben. Dass man auch mal die Kontrolle abgibt und sagt: „Hey, du kriegst das auch hin, nicht nur immer ich.“ Oftmals überschreitet man die eigenen Grenzen, weil man immer alles annimmt und immer alles macht und dann bist du einfach erschöpft, weil du einfach zu viel machst, ohne Nein zu sagen.
Wie nimmst du den Fokus von dir als Frau, hinzu als Person in der Branche?
Durch die Bookerin-Position werde ich mittlerweile als „neutral“ wahrgenommen. Als Tourmanagerin ist es nochmal anders, da ist es dann eher so: „Och, das hast du aber fein gemacht. Du bist ja gut vorbereitet.“ – Mit so einem Unterton. Aber, wenn ich als Bookerin dahin gehe und dadurch, dass wir schon vorher in der Kommunikation waren und ich den Deal gemacht habe, kommt das eher nicht so vor.
Also es ist ein bisschen schwierig. Es gab schon Situationen, in denen ich das Gefühl hatte, nicht für voll genommen zu werden und ich mich beweisen musste. Ich denke, das kennen alle Frauen, ob in der Musikbranche oder in anderen Branchen.
Würdest du dich wieder für diese Laufbahn entscheiden und, wenn ja, warum?
Auf jeden Fall! Wie schon kurz erwähnt, ich war schon in verschiedene Berufszweige tätig und ich fühle mich in der Musikbranche richtig angekommen, auch wenn es manchmal schwierig ist. Aber ich fühle mich pudelwohl und deshalb möchte ich unbedingt weiter machen.
Das Ende der Fahnenstange: Was würdest du gerne für dich persönlich noch erreichen?
Oh! Mhh.. Seit diesem Jahre toure ich international mit Monolink und ich buche seit einigen Monate Alice Merton. Das war für mich ein wichtiger Schritt und ich kann auf meiner persönlichen Liste – von dem was ich noch erreichen möchte – bei internationalen Künstler*innen auch einen Check machen.
Und zukünftig würde ich gerne in die Geschäftsführung gehen. Und wenn das auch klappt, dann bin ich einfach happy, kann mit „meinen“ Künstler*innen weiterarbeiten und die Agentur weiter ausbauen und einfach gute Musik vermarkten.
Über welches unbequeme Thema sollte mehr gesprochen werden?
Ein wichtiges Anliegen wäre mir das Thema Rassismus. Das ist jetzt kein Bashen gegenüber der Musikbranche, aber die Musikbranche ist sehr weiß. Nicht nur auf den Bühnen, sondern auch hinter den Kulissen. Ich würde mir wünschen, dass ich als PoC-Person nicht die „Exotin“ bin, sondern dass es mehr Frauen, PoC-Frauen und auch schwarze Frauen sowohl auf den Bühne als auch hinter den Bühne gibt.
Und zum anderen über die nach wie vor unveränderten Zustände an der EU-Außengrenze. Ich bin unter anderem Teil der Tour d‘Amour–Crew und durfte dieses Jahr zwei Touren buchen. Mal eine etwas andere Tour! Wir haben unsere Netzwerke genutzt, unter anderem Kontakte zu Künstler*innen, um die Tour zu promoten und zu den geschlossenen Clubs, um Sachspenden und Geldspenden für Lesbos zu sammeln.
Die Clubs dienten dabei als Lager, um dort die Sachspenden zu sammeln und mit Hilfe von verschiedene Hilfsorganisationen, u.a. #LeaveNoOneBehind, wurden diese dann transportiert. Die Idee war, mit Tourbussen und Nightlinern alles zu transportieren, aber am Ende hatten wir so viele Spenden, dass diese mit LKWs transportiert wurden.
Wir sind hier immer noch in einer sehr privilegierten Lage, auch was Corona angeht, und ich finde es wichtig über die eigenen Grenzen zu schauen.
Welche Frauen in der Musikbranche bewunderst du und warum?
Hey, euch beide find ich toll! (Rike Just & Agnes Stamml, Anm. d. R.)
Abgesehen davon bewundere ich echt alle, die sich trauen und am Start sind und sich gegenseitig supporten. Finde ich richtig toll! Und ich will nochmal Probs an Annika Hintz geben, die für mich in den letzten Jahren das beste Festival Line-Up Deutschlands (beim Dockville) gebucht hat. Ebenso Julia Gudzent vom Melt! Booking und Misc, die auch ein schönes und gutes Feingefühl hat, was Bands angeht und sich für Diversität stark macht. Da gehen auf jeden Fall Probs an die beiden raus. Ich schätze die beiden und deren Musikgeschmack sehr!
Gibt es Etwas was du noch sagen möchtest?
Also eigentlich das, was ich vorhin auch schon gesagt habe: Weiterhin Frauen, Flintas, BPoC supporten. Mit auf und hinter die Bühne zu nehmen! Traut euch Gesicht zu zeigen!